Neuss: Erinnerungen an Annemarie Renger

Fast vier Jahrzehnte war sie auf der Bonner Bühne aktiv, doch über vier Legislaturperioden hat die Grande Dame der Sozialdemokratie als Neusser Bundestagsabgeordnete Politik gemacht. Annemarie Renger, am Montag im Alter von 88 Jahren gestorben, hat den Wahlkreis nicht direkt erobern können, und im Jahr 1982 musste sie ihn dem weiter links stehenden Sozialdemokraten Jürgen Alef überlassen.

Neuss. Nichts habe sich Frau Renger anmerken lassen, erinnert sich ihre langjährige Mitarbeiterin im Wahlkreisbüro, Lisa Krumbein: "Ihre Disziplin war sagenhaft, aber ich selbst war total erschüttert." Eine großartige Chefin sei die damalige Bundestags-Vizepräsidentin gewesen. Unnahbar, wie oft behauptet? "Überhaupt nicht, ganz herzlich." Als sie sich 1973 kennenlernten, die Sozialdemokratin aus Zons und die erfahrene Bundespolitikerin, habe sie sich zum Genossen-Du nicht durchringen können. Aber mit einem "Ich bin die Annemarie" war die Spannung gleich genommen.

Da war die prominente Sozialdemokratin bereits Bundestagspräsidentin; erste Frau und erste Sozialdemokratin im zweithöchsten Staatsamt. In Neuss traf sie im Wahlkampf auf Heinz Günter Hüsch; erst als Wahlkampfleiter von Josef Rommerskirchen, dann als ihr Gegenkandidat. Schwierig sei es damals gewesen, gegen eine Dame Wahlkampf zu führen, erinnert sich Hüsch, gegen eine prominente Politikerin zudem, die stets "mit großem Schweif" in Neuss auftauchte. Die CDU wählte die Formel "Der Mann von hier für Bonn", was wohl im Jahre 1976 die Wähler in doppelter Hinsicht überzeugte. Immerhin: Als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages verpasste die Wahlkampfgegnerin dem Abgeordneten Hüsch seine erste und einzige parlamentarische Rüge, hatte er doch einem SPD-Abgeordneten Heuchelei vorgeworfen.

Den Neussern gab sie bei Gelegenheit ein Beispiel ihres Durchsetzungswillens. Schützenfest, Parade: Da wurde sie, Bundestagspräsidentin hin oder her, nicht eingeladen: Schließlich war sie nicht direkt gewählt, und sie war - Frau. Annemarie Renger focht’s nicht an. Sie rüstete sich mit einem Schemel aus, setzte sich zu den Zuschauern direkt gegenüber der Riege der hohen Herren und schaute sich die Parade an.