Neuss: Furth - Wohnviertel statt Containerbahnhof
Die meisten Wohnungen im neuen Quartier sind vermietet. Bauverein investiert 37 Millionen Euro.
Neuss. Zum ersten Spatenstich, es war der Tag vor der Eröffnung der Fußball-WM, kam Landes-Bauminister Oliver Wittke, beim Fest der Anwohner im April wird sich Bundes-Familienministerin Ursula von der Leyen die Ehre geben. Dazwischen liegt eine Nominierung in der Kategorie Wohnungsbau für die Mipim in Cannes, die renommierte Messe für Gewerbeimmobilien und Betriebsansiedlungen, und reichlich Aufmerksamkeit in Architekten- und Städteplanerkreisen. Das Projekt "Südliche Furth", das größte, das der Bauverein je umgesetzt hat, ist ungewöhnlich, gewagt und offensichtlich auf einem guten Wege. Fast komplett ist das Areal auf der Fläche des früheren Containerbahnhofs vermietet. Mehr als 700 Menschen werden hier leben, wenn das große Eröffnungsfest steigt, fast alle in preiswertem, öffentlich geförderten Wohnraum. Entstanden ist kein Mega-Wohnblock, sondern ein Quartier, wie es Bauverein-Vorsitzender Frank Lubig betont. Überraschend durchlässig, aufgelockert erscheint dieses Quartier von innen, ganz entgegen dem Eindruck, den der Autofahrer vom Überflieger der Fesselstraße aus hat, blickt er auf die dann doch dichte Bebauung mit den blauen, gelben und orangenen Pastelltönen. Es gibt Zwei- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen - fast alle barrierefrei -, verbunden sind die Etagen durch Laubengänge. Vorgärten, Balkone, Spielplatzecken, ein gestaltendes "Kanalsystem", ein Teich, an dem soeben Rhododendron, Eiben, Büsche und Blumen gepflanzt wurden. Integriert ist ein Haus für Demenz-Kranke, und es gibt spezielle Mehrgenerationen-Häuser. Und schon jetzt mehr als 230 Kinder, die nicht nur die Spielstationen, sondern auch die Verbindungswege erkunden. Die ganze Anlage ist autofrei. 37 Millionen Euro hat der Bauverein in dieses Wohnquartier investiert. Ein Renommierprojekt? Ja, meint Frank Lubig und betont, dies sei es für den Bauverein nicht nur wegen des städteplanerischen Ansatzes. Viel Wert wird auf ein "Quartier-" oder "Sozialmanagement" gelegt. Was nach Theorie klingt, ist bereits im Stadtteiltreff zu erkennen. Hier ist das Diakonische Werk Partner des Bauvereins. Bewohner, ob jung der alt, können hier essen, es gibt bereits Hausaufgabenhilfe und Spielgruppen, Seniorenfrühstück, Gymnastik für Ältere und diverse Beratungsangebote. Ingrid Helferich vom Diakonischen Werk freut sich, dass sich schon Bewohner als Ehrenamtliche gemeldet haben, die zum Beispiel Kartenspielabende organisieren wollen. Ingrid Helferich selbst hat viele Ideen. Auf die Schnelle einen Babysitter zu beschaffen zum Beispiel, Bewohner bei Arztfahrten zu begleiten: Das sind Aktionen, die im Stadtteiltreff organisiert werden sollten.
"Hier wird es kein neues Erfttal geben", sagt Frank Lubig. Genau danach ist er häufig gefragt worden. Aus Erfttal selbst, wo der Bauverein im großen Stil die Sozialbauten der 60er Jahre abreißen lässt, sind nur 40 Personen zur neuen Südlichen Furth gezogen, zwei Drittel der Wohnungen sind "fremd belegt", wie Lubig sagt: "Wir schaffen hier stabile soziale Strukturen."