An Tag Drei des Verschwindens des kleinen Pawlos ist es ruhiger geworden im hessischen Weilburg. Im Vergleich zu den Vortagen sind deutlich weniger Polizeiautos und -beamte zu sehen, kein Rattern des Polizeihubschraubers ist mehr zu hören. Trotz des Großeinsatzes an den beiden Tagen zuvor gibt es immer noch keine heiße Spur. Die Suche nach dem sechsjährigen Jungen geht weiter - wenn auch mit deutlich weniger Einsatzkräften als zuvor.
Einsatz von Tauchern geplant
Der Fokus liege derzeit auf den Ermittlungen, teilt das Polizeipräsidium Westhessen am späten Nachmittag mit. „Dies beinhaltet die Prüfung der zahlreich eingegangenen Hinweise sowie die Auswertung von Videomaterial, unter anderem aus Bus und Bahn.“ Da der entscheidende Hinweis noch nicht eingegangen sei, werde an diesem Freitag auch der Einsatz von Tauchern geplant - sie unterstützen die Einsatzkräfte bei der Absuche der Gewässer.
„Dabei handelt es sich um eine polizeiliche Standardmaßnahme“, heißt es. Alle möglichen Suchbereiche würden sorgfältig überprüft - konkrete Hinweise auf den Aufenthaltsort würden nicht vorliegen. „Ziel unserer Maßnahmen ist und bleibt das Auffinden des Jungen“, betont das Polizeipräsidium in Wiesbaden.
Bahnhof bleibt beinahe einzige Spur
Am Donnerstag habe man eine Kräfteverschiebung vollzogen, sagt Sprecher David Ausbüttel der Deutschen Presse-Agentur. Eine hohe zweistellige Zahl an Einsatzkräften sei weiterhin mit der Suche befasst. Vor allem Polizisten suchten „neuralgische Punkte in und um Weilburg ab“. Am Mittwoch waren es den Angaben zufolge noch 600 Menschen gewesen, die nach dem Jungen gesucht hatten. Zudem waren Reiterstaffel, Rettungshunde und ein Polizeihubschrauber im Einsatz gewesen.
Laut den Behörden ist Pawlos „autistisch veranlagt“. Der Sechsjährige war am Dienstagmittag ohne erkennbaren Grund aus seiner Förderschule gelaufen, wo er die erste Klasse besuchte. In der Nähe des wenige hundert Meter entfernten Bahnhofs wurde er zuletzt gesehen. Dort ende auch die von den Spürhunden aufgenommene Spur, erklärte eine Polizeisprecherin. Hinweise auf ein Gewaltverbrechen hätten sich weiterhin nicht ergeben. Die Polizei gehe Hinweisen im dreistelligen Bereich nach, auch Videomaterial aus öffentlichen Verkehrsmitteln werde ausgewertet.
Neue Angaben zur Kleidung
So gebe es neue Angaben zur Kleidung des Vermissten. Pawlos habe zum Zeitpunkt seines Verschwindens dunkle Sportschuhe mit grünem Muster getragen. Daneben trug er einen gestreiften Pullover und eine graue Jeans. Die Behörde suche nun auch mit einem Foto der Schuhe und erhoffe sich damit weitere Hilfe aus der Bevölkerung.
Weilburgs Bürgermeister Johannes Hanisch (CDU) erklärte: „Wir haben jeden Stein umgedreht.“ Das Stadtgebiet in einem Radius von drei Kilometern sei abgesucht worden. „Wir sind sehr besorgt um das Schicksal des Jungen.“
Fluss in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs
Der kleine, zweigleisige Bahnhof in der mittelhessischen Stadt befindet sich in unmittelbarer Nähe des Flusses Lahn. Am Vortag waren Rettungskräfte mit Booten unterwegs gewesen und hatten nach dem Jungen Ausschau gehalten.
An einer Fußgängerbrücke in der Nähe des Bahnhofs bewegen sich weiterhin bunte Luftballons im Wind - ebenso wie an vielen anderen Orten in der Stadt. Es wird gehofft, den sehr schreckhaften Jungen durch die bunten Reize aus einem möglichen Versteck locken zu können.
Experte sieht Überlebenschancen
Wie lange der vermisste Junge überleben kann, hängt stark von vielen verschiedenen Bedingungen und Umständen ab, sagt Matthias Bollinger, Landesarzt des DRK. „Eine Woche sei durchaus im Spektrum des Erwartbaren.“ Unter anderem sei der Zugang zu Wasser entscheidend.
„Es gibt diese Faustregel von drei Tagen ohne Wasser.“ Erwachsene würden Flüssigkeitsmangel tendenziell besser aushalten. Wer zu viel Flüssigkeit verliere, verliere zudem Kraft und im schlimmsten Falle das Bewusstsein und könne dann nicht mehr auf sich aufmerksam machen.
Suche startete binnen Minuten
Das Verschwinden von Pawlos aus seiner Schule war laut Schulamt innerhalb einer Minute aufgefallen. Der Schüler habe sich „gegen 12.30 Uhr nach dem gemeinsamen Mittagessen von seiner Klasse entfernt und offenbar das Schulgelände verlassen“, hieß es in einer Mitteilung des Staatlichen Schulamtes.
Lehrkräfte hätten „unmittelbar eine schulinterne Suchaktion im Gebäude und auf dem Gelände eingeleitet“, hieß es. „Da der Schüler innerhalb einer Viertelstunde dort nicht aufgefunden werden konnte, wurden umgehend die Polizei und die Eltern informiert.“ An der Schule seien mehrere Schulpsychologinnen, teilte das Schulamt mit. „Es besteht auch ein enger Austausch mit der Familie des vermissten Schülers.“
Bei der Schule handelt es sich ihren Angaben im Internet zufolge um eine „kleine und überschaubare Förderschule“. 55 Schülerinnen und Schüler würden in sieben Lerngruppen betreut. Am Donnerstagmittag ist es an der Schule ruhig, das Eingangstor ist abgeschlossen, daneben hängt ein kleiner lila Luftballon.
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