Eindeutige Aussagen zum Personal für einen bevorstehenden Spieltag scheut Fortunas Trainer mindestens so wie ein Veganer ein Filetsteak. Umso bemerkenwerter ist es, wenn sich Christian Preußer auf einer Position bereits mehr als 55 Stunden vor dem Anpfiff öffentlich festlegt. „Ich kann jetzt schon sagen, dass wir uns dafür entschieden haben, auch gegen den FC St. Pauli Raphael Wolf ins Tor zu stellen“, sagt der Coach. „Florian Kastenmeier ist zwar nach seiner Covid-19-Erkrankung zurück, hat aber erst knapp zweieinhalb Trainingseinheiten mitgemacht.“
Zu wenig für die Rückkehr ins Fortuna-Tor, befinden Preußer und sein Trainerteam, wo in dieser Frage auch Torwarttrainer Christoph Semmler ein gewichtiges Wort mitzureden hat. „Wir haben das Gefühl, dass Flo noch Trainingsrhythmus braucht“, erklärt Preußer. „Ob er am Samstag auf der Bank sitzt, werden wir abwägen.“
Der positive Ausgang der jüngsten Partie, als Wolf beim 3:1-Sieg in Darmstadt nach nervösem Beginn immer stärker geworden war, hat zu der Entscheidung zweifellos beigetragen. Dies umso mehr, als die Aufgabe am Samstagabend (20.30 Uhr, Arena) jener von Darmstadt nicht unähnlich ist. Die „Lilien“ waren als Tabellenzweiter mit sehr positivem Formtrend in ihr Heimspiel gegen die Düsseldorfer gegangen, im FC St. Pauli kommt nun sogar der Spitzenreiter nach Stockum.
Die Parallelen gehen sogar noch weiter. Darmstadt wie St. Pauli verfügen über sehr robuste, torgefährliche Sturmreihen, beide Klubs halten sich nicht mit langem Abwarten auf, sondern marschieren nach vorn. Das Torwartspiel der eigentlichen Nummer eins Fortunas, eben Kastenmeier, ist also nicht so gefragt wie in vielen anderen Spielen: Er würde bei einem so offensiv ausgerichteten Gegner kaum dazu kommen, weit vor dem eigenen Tor zu stehen und zum elften Feldspieler zu werden.
Wolf dagegen fühlt sich unter Dauerbeschuss, wie in Darmstadt in der zweiten Hälfte, am wohlsten. Dann kann er seine größte Stärke, die Reaktionsschnelligkeit auf der Linie, am besten ausspielen. Preußer ist allerdings daran gelegen, die Hamburger nicht gar so häufig zum Abschluss kommen zu lassen wie die „Lilien“ in der Phase nach der Pause. „Diese Drangphase der Darmstädter haben wir schon gesehen“, mahnt er. „Das wollen wir gegen St. Pauli besser machen. Wir sind da durch das letzte Ergebnis nicht zu euphorisch geworden, wir bleiben im fokussierten Modus. Aber wir haben auch richtig Lust darauf, uns mit der stärksten Mannschaft der Liga zu messen.“
Die finale Entscheidung, mit welchem System er dieses Kräftemessen angehen werde, sei noch nicht gefallen, betont der Trainer. Im Grunde spräche alles dafür, wie in Darmstadt eine Dreierkette aufzubieten, die sich bei Ballbesitz des Gegners in eine Fünferkette wandelt. Dafür fehlt ihm in Kapitän Adam Bodzek aber der zentrale Abwehrspieler. „Das ist eine Grundsatzentscheidung“, erklärt der 37-Jährige. „Dragos Nedelcu könnte Adams Rolle übernehmen, oder ein Spieler aus dem zentralen Mittelfeld.“
Eins ist Preußer dabei wichtig: „Den Erfolg in Darmstadt möchte ich nicht aufs System reduzieren, das hatte auch mit Ballsicherheit, Kombinationen und Laufbewegungen zu tun.“