Wawrinka endlich raus aus Federers Schatten

New York (dpa) - Roger Federer schickte sofort eine SMS. „Er hat mir direkt nach dem Match geschrieben“, berichtete Stanislas Wawrinka nach seinem phänomenalen Einzug ins Halbfinale der US Open. Den Titelverteidiger Andy Murray hat der Schweizer Schattenmann entthront, jetzt wartet Novak Djokovic.

Nicht wenige Experten trauen dem Tennisprofi aus Lausanne auch gegen den Serben einen Coup zu. Schon einmal hatte Wawrinka in diesem Jahr den US-Open-Champion von 2011 am Rande einer Niederlage. Im Achtelfinale der Australian Open lieferten sich die beiden Powertypen fünf Stunden und zwei Minuten lang einen Schlagabtausch über fünf Sätze. Wawrinka führte zwischenzeitlich 6:1, 5:2 - und verlor im entscheidenden Durchgang noch mit 10:12.

„Das war sicherlich einer der Schlüsselmomente der Saison. Ein harter Moment, aber am Ende war ich sehr zufrieden mit diesem Match, weil mein Level besser als jemals zuvor war“, sagte Wawrinka nach seinem 6:4, 6:3, 6:2-Erfolg gegen Murray. Seit April arbeitet er mit Ex-Profi Magnus Norman zusammen. Der Schwede scheint dem früher oft nervenschwachen und flatterhaften Wawrinka Selbstvertrauen und Siegermentalität verabreicht zu haben. „Er ist ein guter Coach. Offensichtlich ein richtig guter Coach“, scherzte Wawrinka.

Es ist nicht so, dass Stan The Man plötzlich aus dem Nichts auftaucht wie vor zwei Jahren Angelique Kerber. Seit Mai dieses Jahres steht der Vater einer Tochter in den Top Ten, seit August 2012 ununterbrochen unter den besten 20 Profis der Welt.

„Es gibt in diesem Match keinen klaren Favoriten“, sagte Djokovic vor dem Wiedersehen mit Wawrinka. „Er spielt derzeit wohl das beste Tennis seines Lebens. Gegen den Titelverteidiger im Arthur Ashe Stadium in drei Sätzen zu gewinnen, ist ziemlich beeindruckend. Er wird mit sehr selbstbewusst auftreten und hat nichts zu verlieren.“

Bis zu diesem 5. September 2013 zählte der Eidgenosse Nummer zwei zu den vielen eher unbekannten und unscheinbaren Spielern, die im Schatten von Djokovic, Murray, Federer und Rafael Nadal unbemerkt ihrem Tagwerk auf der Tennistour nachgehen. Und Wawrinka leidet - oder muss man sagen: litt? - natürlich unter einem noch schwerwiegenderen Problem. Die Schweiz hat schon Roger Federer.

Seit fast einem Jahrzehnt muss Wawrinka damit zurechtkommen, dass die Bezeichnung „Tennisprofi aus der Schweiz“ für Federer zu reserviert sein schien. Zum ersten Mal überhaupt kam der Mann mit dem Mehrtagebart bei einem Grand Slam weiter als der entthronte Maestro - und das bei seinem 35. Auftritt bei einem der vier Majors.

2008 holten Federer und Wawrinka in Peking gemeinsam olympisches Doppel-Gold. Die Schlagzeilen aber gehörten - wie fast immer - fast nur Federer. Der aber schwächelt seit Monaten bedenklich, sein einstiger Lehrling dagegen erstarkt seit Monaten erstaunlich. „Ich bin ihm wirklich dankbar, weil er mir sehr viel geholfen hat“, sagte Wawrinka, betonte aber auch: „Der Augenblick heute gehört mir.“

Zum ersten Mal überhaupt zählt Wawrinka bei einem Grand Slam zu den letzten vier im Feld verbliebenen Spielern. Der Juniorensieger der French Open 2003 hat in diesem Jahr schon 41 Matches gewonnen - so viele wie noch nie zuvor. Vier ATP-Titel sind in seiner sportlichen Biografie verzeichnet, beim Masters in Madrid stand er im Finale und musste sich erst dem derzeit überragenden Nadal beugen.

Der Top-Favorit könnte im Endspiel am Montag warten. Der Linkshänder aus Spanien trifft im zweiten Halbfinale am Samstag auf den Franzosen Richard Gasquet. Wawrinkas Mentor Federer aber ist lange abgereist. Was er denn geschrieben habe, fragte ein Reporter. „Private Dinge. Das wollt ihr gar nicht wissen“, sagte Wawrinka vergnügt und verriet nur: „Er hat mir natürlich gratuliert.“