Es soll eigentlich ein atemberaubendes Vorzeigeprojekt der Raumfahrt werden: ein Außenposten am Mond, bei dem Europa ganz vorn mit dabei ist. Doch mittlerweile gibt es Zweifel daran, ob es mit dem „Lunar Gateway“ wie geplant weitergeht: Tech-Milliardär Elon Musk, inzwischen enger Vertrauter des US-Präsidenten Donald Trump, drängt darauf, zum Mars aufzubrechen. Der Mond ist für ihn bloß „Ablenkung“.
Tatsächlich scheint es möglich, dass Trump das von ihm selbst ins Leben gerufene kostspielige US-Mond-Programm „Artemis“ kurzerhand kippt. Was bedeutet die neue politische Lage beim so wichtigen Partner für Europas Raumfahrt?
Musk kritisiert „Artemis“ heftig
Schon seit Langem setzt Musk sich dafür ein, den Mars ins Visier zu nehmen. Im Dezember hatte er die Struktur des „Artemis“-Programms als „äußerst ineffizient“ bezeichnet. Es handle sich um ein Job-maximierendes Programm und nicht um eines für maximale Ergebnisse, kritisierte der Leiter der Weltraumfirma SpaceX.
Auch Trump blickt mittlerweile Richtung Mars. Gemunkelt wird, dass er die eigens für „Artemis“ entwickelte „S.L.S.“-Rakete einstampfen könnte. Mit ihr sollen zentrale Elemente der „Gateway“-Station und die Crews in Mondnähe kommen.
Die US-Raumfahrtbehörde Nasa gibt sich mit Blick auf mögliche Änderungen zugeknöpft. „Wir arbeiten heute an den eingetragenen Strategien und werden das weiterhin tun“, kommentiert der „Gateway“-Programmmanager bei der Behörde, Jon Olansen, die Lage. Nasa-Mitarbeiter Sean Fuller, bei dem Vorhaben für internationale Partnerschaften zuständig, gibt jedoch mit Blick auf die „S.L.S.“ zu bedenken: „Wir haben immer Optionen.“
Nasa: Risiken für Marsmission auf dem Mond minimieren
Dass die USA ganz in Trumps „America first“-Manier eine Solomission zum Mond unternehmen und die drei vereinbarten Plätze für europäische Astronauten einfach streichen, glaubt Fuller nicht. Man arbeite an einer internationalen Mission, sagt er der dpa. Mit der europäischen Raumfahrtbehörde Esa gebe es zudem eine starke Partnerschaft.
Was Musks Mars-Träume angeht, betont Fuller, das Mondprogramm sei ein wichtiger Schritt zum roten Planeten, werde sogar „Vom Mond zum Mars“ genannt. Beides gehöre zusammen. Denn letztlich werde eine Mission zum Mars riskant sein und brauche viele neue Technologien. Das Risiko müsse man verringern, und genau dies solle mit den Flügen zum Mond geschehen. So könne man mehr über die Bedingungen im Weltraum fernab der schützenden Erdatmosphäre lernen.
Fuller mahnt auch: Am Mond sei man nur Tage von der Erde entfernt. Beim Mars hingegen seien es mehrere Monate. Um dorthin zu fliegen, brauche es ein geringes Risiko und hohe Verlässlichkeit.
„Man muss immer einen Plan B vorbereiten“
Und wie blickt die Esa auf die veränderte Lage? Nach möglichen Änderungen beim Mondprogramm unter Trump und insbesondere bei der „S.L.S.“-Rakete gefragt, meinte Esa-Chef Josef Aschbacher unlängst: „Wir sind sicherlich für jedes Szenario vorbereitet, das auf den Tisch kommen könnte.“ Aschbacher betonte zudem, gute Wissenschaft geschehe in internationaler Zusammenarbeit. „Und das muss im Zentrum unserer Raumfahrtaktivitäten bleiben.“
Sara Pastor, bei der Esa mit für „Gateway“ zuständig, versichert, man werde alles tun, was nötig ist, um die Interessen der Mitgliedstaaten zu schützen. Das könne im Zweifelsfall auch heißen zu schauen, wie man seine Expertise anderweitig nutzen könne als für die geplante Station. Bisher habe sich die Beziehung auf Programmebene aber nicht verändert.
Dennoch schaue man nach Alternativen zu der Mondstation. „Gateway“ soll auch nach dem geplanten Ende der Internationalen Raumstation ISS 2030 einen neuen Außenposten im All bilden. „Auch wenn man eine vollständig gewährte, super Zusammenarbeit hat, muss man immer einen Plan B vorbereiten“, sagt Pastor.
Esa-Chef Aschbacher meint: „Esa und Europa werden bereit sein, sich anzupassen, eigene Prioritäten zu finden, die sicherlich in Verbindung damit stehen, unsere Stärke, unsere Autonomie, unsere Fähigkeiten im All zu stärken und international ein sehr guter Partner zu sein.“
Chance zur Veränderung?
Neue Partnerschaften zu suchen und als Europa eine eigene Stärke zu entwickeln, das sieht auch Ludwig Moeller, Leiter des Raumfahrt-Thinktanks Espi, als neue Kernaufgabe der Esa. Den Kurswechsel in der US-Politik und seine möglichen Auswirkungen auf die Zusammenarbeit in der Raumfahrt sieht er als eine Initialzündung. „Es ist sicher mehr eine Chance“, sagt er der dpa.
„Es stellt sich natürlich zurzeit unmittelbar die Frage für Raumfahrtagenturen, welche Programme morgen schon betroffen sein könnten. Das kann unter Umständen erheblich sein.“ In welcher Form „Artemis“ weitergeführt werde, da gebe es Fragezeichen. Doch Moeller betont: „Es geht nicht nur darum, was uns heute unmittelbar in der Kooperation vielleicht verloren geht, sondern es geht auch darum, was wir selbst aufbauen müssen.“
Europa sei stark, was Raumfahrtanwendungen angeht - etwa „Galileo“ zur Navigation oder Erdbeobachtung mit „Copernicus“. „Aber in den Bereichen Sicherheit und Verteidigung gibt es einen großen Nachholbedarf.“
Wenig investiert, keine klaren Ziele
Auch Paul Wohrer vom französischen Institut für Internationale Beziehungen (Ifri) sieht Handlungsbedarf beim Thema Raumfahrt und Verteidigung. Hier sei wenig investiert worden und es brauche klare strategische Ziele, wie es sie im Bereich der zivilen Raumfahrt gebe. Bei wissenschaftlichen Aspekten auch in Zukunft mit den USA zusammenzuarbeiten, wäre aus seiner Sicht wunderbar, im Bereich Verteidigung brauche es hingegen mehr Unabhängigkeit.
Ob Europa bei der Raumfahrt allgemein noch auf die USA zählen könne? „Die Tendenz, die Dynamik ist eher Nein“, schätzt der Raumfahrtexperte. „Wenn es darum geht, von den USA abzuhängen, ist das meiner Meinung nach eine Haltung, die derzeit leider wenig Zukunft hat.“
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