Was glauben Sie denn? Wuppertaler Kirchenkolumne: Haus auf Sand oder Haus auf Fels? – eine Replik

Wuppertal · So ist das wohl, wenn man die Definition, wer man sei, zu lange anderen überlässt.

Federschmidt

Foto: Ilka Federschmidt

Dann kann es passieren, dass man sich schon in der Sterbebegleitung findet, während man vielleicht eher dabei ist, das Leben neu zu entdecken. So hat WZ-Chefredakteur Lothar Leuschen in seinem Kommentar vom 22. März den evangelischen Kirchenkreis Wuppertal schon in der aktiven Sterbebegleitung seiner selbst gesehen. Anlass: Die evangelische Kirche in Wuppertal kann aufgrund sinkender Kirchensteuereinnahmen ihrer Diakonie nicht mehr die Mittel zuwenden wie bisher. Und er bedauert wie kritisiert, dass damit wichtige Tugenden eine Stimme verlieren – wie etwa Rücksichtnahme, Ehrlichkeit, Nächstenliebe. Und so dürfen wir lesen, dass wir als Kirche offenbar aufgeben, während wir doch als Wächterin solcher Tugenden beträchtliche Hausaufgaben zu erledigen haben. Hm. Interessant ist nicht nur, wer da selbst ernannt die kirchlichen Hausaufgaben definiert. Sondern auch, was in dem Katalog der genannten Tugenden fehlt. Und genau da könnte in Wahrheit die Existenzfrage christlicher Kirche liegen.

Denn es fehlt genau der in diesem Kommentar – wie in vielen medialen und gesellschaftlichen Bildern von Kirche –, der ihr in Wahrheit die beträchtlichen „Hausaufgaben“ stellt: Jesus Christus, die Liebe und Gnade Gottes in Person. So kommentiert Annette Zoch den gesellschaftlichen Trend im Blick auf Kirche zutreffend in der Süddeutschen Zeitung: „Tätige Nächstenliebe ja, Gebet und Gott nein.“ Aber das ist, als würde man vom eigenen Körper Höchstaktivitäten verlangen und dabei sein Herz vernachlässigen. Das nenne ich eine Todesursache.

Lange genug hat unsere evangelische Kirche selbst (zur katholischen Schwesterkirche steht mir da kein Wort zu) diesen Blickwinkel übernommen und ihr Markenzeichen darin gesehen, eine von einer Mehrheit getragene Institution zu sein, der eine hohe gesellschaftliche Relevanz zugemessen wird. Genau aufgrund jener Tugenden, die der Chefredakteur dieser Zeitung beschreibt: Vermittlung wichtiger ethischer Werte und vor allem: diakonisch-soziales Engagement und Einrichtungen. Und das sind in der Tat wertvolle, wichtige Aufgaben, die Kirche geleistet hat und ja auch immer noch leistet. Aber nun geht das im bisherigen Umfang nicht mehr. Oberflächlich betrachtet, weil Kirchensteuern und Einnahmen sinken. Tiefergehend betrachtet, weil der Glaube an Jesus Christus schon längst keine Mehrheit mehr findet und sich dies inzwischen auch beim Geld bemerkbar macht. Ohne das Herz christlicher Kirche, ohne den lebendigen Glauben an Jesus Christus, stirbt sie. Jedenfalls als Kirche. Es steht allen frei, alternativ einen Sozialverein zu gründen.

An das Herz christlicher Kirche erinnert gegenwärtig die Passions- und Osterzeit, an Jesus Christus. Das ist der, der keinerlei institutionelle Macht hatte, auf jede weltliche Macht verzichtete – und gerade so mächtig war. Das ist der, der das Friedensreich Gottes verkündete, der Menschen dafür öffnete, Gott in ihre Herzen, in ihr ganzes Leben zu lassen. Der sein Leben gab und sich kreuzigen ließ für seine Botschaft. Ja, der ist wirklich gestorben – und eine Sterbebegleitung hatte er nicht. Aber mit ihm ist die Liebe Gottes aus dem Tod auferstanden. Kirche lebt von seinem Versprechen, immer mitten unter uns zu sein, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Darauf, so hat Jesus es einmal gesagt, sollen wir unser „Haus“ bauen. Das ist der Fels, auf dem das Lebenshaus und das Kirchenhaus Fluten und Stürmen standhalten. Darauf zu schielen, welche Relevanz uns andere zuschreiben, führt schnell dazu, die eigene Mitte zu verlieren, das Herz zu vernachlässigen. Dann baut Kirche auf Sand.

Ein wesentliches Anliegen des Veränderungsprozesses im evangelischen Kirchenkreis Wuppertal ist es, das schlagende Herz für alle kirchlichen Aktivitäten neu zu entdecken. Und dafür muss vielleicht wirklich etwas sterben: Das Klammern an der Institution, wie sie war, und die droht, eine tote Hülle zu werden. Unsere Partnerkirchen in Namibia und Nicaragua sind arm. Und dennoch feiern die Menschen ihren Glauben, treten für Gerechtigkeit ein, praktizieren Nächstenliebe. Mit einem Bruchteil der Mittel, die wir hier immer noch haben. Weil die Flamme wach ist, mit der allein Kirche brennt. Weil improvisierte hölzerne Kirchenbauten in Wahrheit auf Fels gebaut sind.

Darum haben wir uns vorgenommen, genau das zu stärken: das Wissen vom eigenen Glauben, das auch mitten in der Kirche bröselt. Die Botschaft, die überhaupt erst inspiriert zu Taten der Nächstenliebe. Die Mündigkeit von Gemeindemenschen, den eigenen Glauben zu verstehen, davon weitergeben zu können und damit in beherzten Taten für andere da zu sein. Wir lernen selber dabei. Mal mühsam, mal mit der Morgenluft eines neuen Aufbruchs.

Lieber Herr Leuschen, liebe Mitmenschen, in Wahrheit sprechen wir von Auferstehung. Vom Neuwerden von Kirche. Ostern kommt ja bald. Und vielleicht ist Gott längst damit zugange, indem er uns manches aus der Hand nimmt, an das wir uns so sehr gewöhnt haben, damit in seinem Sinn Neues werden kann. Auf diesen Felsen wollen wir bauen. Alles andere wäre in den Sand gesetzt. Das ist wohl medial wenig attraktiv. Tätige Nächstenliebe ja – Gebet und Gott nein. Oder vielleicht doch „ja“? Wer möchte nicht lieber auf Fels bauen? Wäre spannend, das herauszufinden – also herzliche Einladung zum Gespräch!