Freies Netzwerk Kultur Wuppertaler Kulturkolumne: Der Klimawandel der Gemüter
Wuppertal · Kunst und Bildung können kaum auf ihre Rechte pochen.
Vorbei sind sie, die stillen Tage des Jahreswechsels, prall gefüllt mit dem Anheften beendeter Projekte, dem Umschichten verdrängter Ablagekörbe und dem Sichten nachgelassener Bücherhalden, deren Vorbesitzer sich Sorgfalt und Umsicht für die Sammlungen gewünscht hatten: viel gelesene Publikationen aus einer noch grenzenlos scheinenden Welt, die meisten derzeit kaum verkaufbar, denn nach jedem großen Weltenruck geht der Gebrauchtmarkt für anspruchsvolle Bücher erstmal in die Knie. Dabei ist es so hilf- und erkenntnisreich, sich gerade dann durch die Regale zu lesen, wenn im Gemüt mal wieder das Hochwasser steht.
Nun also Schluss damit; der Alltag ist zurück, im frostigen Garten klirren die Meisenknödel und die ersten Mailkaskaden stürzen durchs Büro, Antwort auf alle liegengebliebenen Fragen verlangend. Das Jahr kommt flott daher; schon müssen exakte Pläne für den Sommer raus, Werbetexte für Herbstkonzerte, Abgabe- und Drucktermine. Tickets buchen, Farben für Kinderkurse kaufen, Nebenkosten kalkulieren, als wäre all das gut planbar und als sänge der Narr in Shakespeares König Lear zu Recht: „Wer nur ein bisschen Verstand behält, / hopp heißa, bei Regen und Wind, / der füge sich still in den Lauf der Welt, / denn der Regen regnet jeglichen Tag.“ – Doch das ist lange her und der Narr das, was er ist: ein Weiser, der so reden muss. Der Kulturdienstleister kommt logistisch bereits ins Schleudern, wenn er trotz Streik heute in Frankfurt die Retrospektive des (WZ-)Cartoonisten Polo vorbereiten darf …
„Ja, mach nur einen Plan …“ – Brechts Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens stand bei den frei in allen Kunst- und Kultur-Sektoren Beschäftigten schon immer unter den Top Ten. Dabei wird im Kultur- wie im Bildungswesen nicht nur trotz, sondern gerade wegen der gesellschaftlichen Unsicherheit Hochleistung gefordert: Grundlagen fürs Verständnis schaffen, zivilisierte Artikulationsmöglichkeiten aufrechterhalten, Hoffnung am Fließband produzieren, Begeisterung für Discountmärkte der überschwappenden Emotionen erzeugen – fern von Verhandlungen über Arbeitszeit, Versicherungen oder beschämende Gender-Pay-Gaps (auf Bühnen immer noch 32 %!). Auch Kunst und Bildung sind Arbeit für alle, dabei stets improvisierend, abhängig von globalen Krisen und ohne übersättigte Lobbyistenschar. In der Pandemie gab es manches Licht darauf und Unterstützungen zum Überleben. Die Förderungen steigen partiell, der Kostensituation geschuldet, doch sie bleiben stets Spielball der Politik. An den desolaten Verhältnissen wird sich absehbar nichts ändern. Schon 1998 sagte mir der Realist Karl Otto Mühl, er hätte es als Künstler einst gutgehabt. Wäre er heute (also damals) jung, hätte er weder Kraft noch Chancen für sein Werk.
Es wäre unnütz, so verschiedene Leben zu vergleichen. Nur wenige Kunstlehrerinnen können Loks fahren, wenige Violinisten gute Getreideernten erzeugen. Doch sind wir alle etwas wert, um miteinander zu überleben. Während manche der einen rechthaberisch dahertreckern und mit Beiklängen völkischen Röhrens die Gesellschaft zur Lynchlust verführen, kommen die meisten anderen auf ihren klapprigen Thespiskarren kaum damit nach, an der Kultur einer Wahrnehmung zu arbeiten, die uns in Zukunft mutig durch multiple Krisen leiten kann. Ein Streik des Denkens und Lehrens, der Künste und Diskurse bliebe vorerst unsichtbar – solange es genügend Unterhaltungskonserven gibt. Die Folgen für die Gesellschaft wären allerdings katastrophal. Zumindest dieses Dilemma ist stabil. Und nun auf ins neue Jahr!
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