Düsseldorf. Es ist kalt. Knapp zwei Grad über null. Der leichte Wind zieht über meine nackten Finger, die langsam beginnen zu schmerzen. Es ist Samstagnachmittag, wenige Tage vor dem Fest.
Eigentlich könnte ich jetzt gemütlich mit Freunden über den Weihnachtsmarkt schlendern und einen heißen Glühwein trinken. Stattdessen stehe ich seit mehr als einer Stunde inmitten von Hunderten Menschen - und bin doch allein.
Auf der Schadowstraße, einer der meist besuchten Einkaufsstraßen in Düsseldorf, habe ich Posten bezogen und bettele um ein paar Euro.
Weihnachten, das ist angeblich die Zeit der Nächstenliebe. Kurz vor den Festtagen sitzt das Spendengeld der Leute locker, heißt es. Immer wieder berichten Medien, dass Bettler nun den Umsatz des Jahres machen.
Aber stimmt das wirklich? Hat man leichtes Spiel bei den Leuten, wenn man zum dritten Advent an ihr Gewissen appelliert? Und geht man mit einem gefüllten Sammelbecher nach Hause? Ich wage den Selbstversuch.
Der Tag beginnt mit der ersten großen Herausforderung. Was anziehen? Sicher, eine Frage, die sich Frauen jeden Morgen stellen. Aber in diesem Fall ist es besonders schwer. Denn zwischen Levis-Jeans und Esprit-Blusen ist nichts zu finden, was nach Obdachlosigkeit aussieht.
Ich wähle einen Mix aus "Renovierungs-Chic" und Gartenkleidung: eine Hose und ausgetretene Turnschuhe, die ich zuletzt beim Streichen meiner Küche getragen habe. Dazu eine alte Jeansjacke und eine Weste. Die Haare binde ich zauselig zu einem Zopf zusammen und stecke sie unter eine Wollmütze. Kein Liedschatten, keine Wimperntusche, Ring und Ohrstecker lege ich ab. Es kann losgehen.
Zuerst stelle ich mich mitten auf die Einkaufsmeile. Ich bin aufgeregt, das Herz klopft schneller. Die werden mich alle anstarren, denke ich. Aber nichts passiert. Der Strom zieht einfach vorbei. Ein paar werfen einen kurzen Blick auf das Pappschild mit der Aufschrift "Bitte spenden. Danke", das ich mitgebracht habe, und gehen dann weiter. Einige streifen mich mit den Ärmeln, alle anderen ignorieren die Frau mit dem Pappbecher in der Hand.
Der erste Eindruck: Die Aufregung ist überflüssig. Hier interessiert sich niemand für mich. Und von besinnlicher Weihnachtsstimmung kann auch keine Rede sein. Zwar sind die Schaufenster mit blinkenden Lichtern geschmückt, und von den Weihnachtsbuden klingt "O du fröhliche" über die Straße. Aber die Hektik der gestressten Ich-habe-noch-nicht-alle-Geschenke-Pilger bestimmt die Atmosphäre.
Nach 20 Minuten ist noch kein Cent in meinem Pappbecher. Die nasse Kälte zieht durch die Kleidung, meine Nase läuft. Und langsam verstehe ich: Betteln ist ein knallharter Job.
Weil der Becher leer bleibt, wechsele ich die Position und gehe ein paar Meter weiter in Richtung Glühweinstand. Und wieder heißt es Warten. Und Warten bedeutet Langeweile. Ich beobachte die vorbeiziehende Masse, bepackt mit vollen Tüten der Einkaufshäuser. Im Kopf gehe ich, die Nicht-Bettlerin, eine Liste mit Erledigungen durch, die ich noch vor Weihnachten machen muss.
Dann: plöpp, plöpp. Eine Frau wirft 50Cent in meinen Becher. So schnell wie sie kommt, ist sie auch wieder verschwunden. Nicht mal für ein Danke bleibt Zeit. Nach einer halben Stunde sind meine Finger eiskalt, und ich beginne zu zittern. Ich schüttele den Becher ein wenig, um mit den klirrenden Münzen auf mich aufmerksam zu machen. Jeder der vorbei geht, hört hin - aber alle sehen weg. Suche ich den Blickkontakt, wenden sie ihre Köpfe ab.
Dann bekomme ich einen Euro. Wieder von einer Frau. In den nächsten Minuten folgen weitere Münzen. Mal 50 Cent, mal zwei Euro, einmal drei Cent. Keiner der Spender sieht mich an oder spricht mit mir. Schule abgebrochen, keine Ausbildung, zu Hause rausgeflogen - ich hatte mir extra einen kurzen Lebenslauf ausgedacht, falls mich jemand auf meine Situation anspricht.
Aber mit teuren Geschenken unterm Arm möchte niemand wirklich wissen, warum Bettler kein Geld zum Essen haben. Der erste, der mit mir spricht, ist ein Holländer. Mit dem Blick in einen Stadtplan fragt er nach dem Weg zum Rhein. Ich zeige in die Richtung. Er bedankt sich und geht dann weiter.
Ich muss wieder warten. Meine Gedanken kreisen um eine heiße Dusche. Auf einmal steht eine Frau vor mir. Gut gekleidet, mit einem teuer aussehenden Mantel und einem schicken Paschmina-Schal. "Hast Du kein Geld?" fragt sie mit niederländischem Akzent. Nein, antworte ich kurz. "Wirklich nicht?" Sie lächelt und fasst meine eiskalte Hand. Sie greift in ihre Tasche und gibt zehn Euro in den Becher. Ich kann es kaum glauben. Dann wünscht sie mir frohe Weihnachten. Sie wird an diesem Nachmittag die einzige bleiben, die mir in die Augen sieht.
Der Wind wird etwas stärker, und ich stelle mich zum Schutz in den Eingang eines Modegeschäfts. Es dauert keine zwei Minuten, bis eine Frau aus dem Laden stürmt. "Wie oft muss ich euch Bettlerpack das noch sagen", schimpft sie und stößt mich in Richtung Straße. Jetzt gucken alle. Ich merke, wie mein Gesicht errötet, und gehe schnell ein paar Schritte weiter. Meine Finger sind inzwischen taub vor Kälte. Ich beschließe aufzuhören.
Innerhalb von zwei Stunden sind Tausende Menschen an mir vorbeigezogen, elf davon haben mir etwas gegeben. Einer davon war ein Mann. In meinem Becher befinden sich 24,53 Euro, das ist kein schlechter Schnitt. Trotzdem bin ich heilfroh, dass der Nachmittag nur ein Test und keine Realität für mich ist. Denn ein "echter" Obdachloser kann nicht einfach nach zwei Stunden abbrechen. Er muss durchhalten. Stundenlang und jeden Tag. Und eine heiße Wanne wartet sicher auch nicht auf ihn.