Interview: „Ich will neue Fässer aufmachen“

David Safier hat fürs Fernsehen Erfolgsserien konzipiert, schreibt jetzt aber lieber Bestseller-Romane.

Herr Safier, als Macher preisgekrönter Serien wie "Berlin, Berlin" oder "Mein Leben und ich" müssten Sie die Qualitätsdebatte ums Fernsehen mit Interesse verfolgt haben. Ist das Programm so schlecht, wie Reich-Ranicki behauptet?

Safier: Es heißt, dass in jedem Medium 90 Prozent des Veröffentlichten schlecht ist. Wenn Herr Reich-Ranicki in eine Buchhandlung geht, wird er zuerst über Bohlen, Bushido und eine Unmenge an Kochbüchern stolpern. Da ist also auch nicht alles großartig. Im Vergleich zu anderen Medien hält sich das Fernsehen ganz passabel.

Warum lässt sich das deutsche Fernsehen nicht mehr auf junge, originelle Serien ein, wie Sie sie gemacht haben?

Safier: Es gibt ja noch ein paar. "Türkisch für Anfänger" oder "Doctor’s Diary" wären Beispiele. Aber meine Erfahrung ist, dass die Sender vor Stoffen, die ich interessant und spannend finde, zurückschrecken. Ich kann zwar Geschichten ans Fernsehen verkaufen, aber eigentlich nichts, bei dem ich das Gefühl habe, da machen wir jetzt neue Fässer auf. Dazu hätte ich aber eigentlich mehr Lust.

Hat Sie diese Ernüchterung zum Schreiben von Romanen gebracht?

Safier: Ja, da kann ich meine Geschichten momentan besser verwirklichen.

Fernsehen ist abgehakt?

Safier: Interessanterweise ist RTL gerade an einem Pilotbuch interessiert, das ich vor vier Jahren für die ARD geschrieben habe. Es ist also nicht so, dass ich keine Kontakte mehr zu den Sendern halte.

Wer ist zaghafter? Das deutsche TV-Publikum oder die Sender?

Safier: Das deutsche TV-Publikum ist durchaus wählerisch. Die gucken ja herausragende Formate wie "Dr. House" - und zwar in Massen. Das Problem liegt woanders: Eine Fernsehserie ist ein großes Risiko, sie kostet viel Geld, und deswegen versucht jeder so gut er kann auf Nummer Sicher zu gehen. Für einen Sender ist es deswegen auch nicht einfach, bei einem neuen Konzept mutig zu sein. Was bereits Erfolg hatte, verspricht auch wieder Erfolg.

Marie, die Heldin aus Ihrem Buch "Jesus liebt mich", kommt wie Lolle ("Berlin, Berlin") aus dem kleinen holsteinischen Malente. Welchen Bezug haben Sie zu diesem Ort?

Safier: Als ich für die ARD die Serie "Die Schule am See" betreut habe, habe ich immer in Malente übernachtet. Das Schöne an diesem Ort ist, dass er keine Folklore hat, man also Menschen, die dort leben, eher vorurteilsfrei entgegentritt. Außerdem bin ich abergläubisch, deswegen habe ich den Ort immer wieder verwendet.

Abergläubisch sind Sie, aber sind Sie auch gläubig?

Safier: Ich bin gläubig in dem Sinne, dass ich an Gott glaube. Ich glaube, dass die Alternative viel schrecklicher ist. Es ist einfach schön, wenn man denkt: Aha, da gibt’s einen größeren Plan. Ich gehöre aber keiner Religion an.

Kann es sein, dass Sie in Geschichten keine Bösewichte mögen?

Safier (erstaunt): Ist das so?

In keinem Ihrer Bücher und keiner Ihrer Serien tauchen von Grund auf unsympathische Menschen auf.

Safier (überlegt): Ja, das stimmt. Vielleicht liegt das daran, dass die Geschichten, die ich schreibe, keinen komplett widerlichen Antagonisten brauchen. In "Jesus liebt mich" taucht sogar Satan auf, und trotzdem ist er kein Bösewicht.

Vielleicht haben Sie einfach ein sehr positives Weltbild?

Safier: Ach, ich habe eigentlich kein positives Weltbild, ich habe nur eine romantische Hoffnung.

Wollen Sie Ihre Leser zum Guten bekehren?

Safier: Nein, ich finde aber, Geschichten sollten dazu da sein, den Menschen ihr positives Potenzial zu zeigen. Das ist nicht von mir, ich habe nur vergessen, von wem es ist.