Dortmund spürt in Berlin besondere Gefahr - Hertha heiß
Berlin (dpa) - Hertha BSC will erstmals ins Finale im eigenen Wohnzimmer, Gegner Borussia Dortmund unbedingt die dritte Endspiel-Chance nacheinander. Die historische Gelegenheit für die Gastgeber am Mittwoch im DFB-Pokal-Halbfinale sieht Kontrahent BVB als besondere Gefahr.
„Sie haben eine einmalige Chance auf das Endspiel und strahlen großes Selbstvertrauen aus. Für uns ist es eine der schwersten Aufgaben, die man im Halbfinale haben kann“, erklärte Borussen-Trainer Thomas Tuchel.
Der Ausfall von Pierre-Emerick Aubameyang kompliziert das Unternehmen Finale zusätzlich. Wie eine medizinische Untersuchung am späten Dienstagnachmittag ergab, hat sich der Dortmunder Top-Torjäger eine Knochenabsplitterung im rechten Fuß zugezogen. Für Aubameyang wird vermutlich der Ex-Berliner Adrian Ramos an alter Wirkungsstätte stürmen.
Hertha will nach vielen Jahren der Pokal-Tristesse endlich wieder einmal Fußball-Geschichte schreiben - und der oberste deutsche Trainer räumt den Berlinern sogar eine gute Chance ein. „Ich glaube, dass es Dortmund nicht einfach haben wird. Berlin hat in dieser Saison überraschend gut gespielt“, erklärte Joachim Löw.
Der Bundestrainer hat eine Wohnung in der Hauptstadt und so hautnah erlebt: „Die ganze Stadt ist so heiß wie noch nie in dieser Saison. Sie haben seit langer Zeit die Chance auf das Finale, sie können im eigenen Stadion, in der eigenen Stadt spielen. Eine größere Motivation gibt es nicht.“
Erstmals seit der DFB das deutsche Traditionsfinale 1985 im Berliner Olympiastadion installiert hat, könnten die Hertha-Profis am 21. Mai als Hauptdarsteller mit dabei sein. „Berlin ist heiß, die Mannschaft und der ganze Stab auch“, sagte Pal Dardai.
BVB-Trainer Tuchel hofft, dass sein Team nach dem schmerzlichen Aus in der Europa League beim FC Liverpool (3:4) am vorigen Donnerstag eine positive Reaktion zeigt: „Es wäre heuchlerisch zu sagen, dass dieses Spiel bereits verarbeitet ist.“ Mit gequältem Lächeln fügte er vor der Reise nach Berlin an: „Epische Schlachten bitte nur noch mit positivem Ausgang. Wir wollen ins Finale - mindestens.“ Die Endspiele 2015 und 2014 hatten die Dortmunder gegen den VfL Wolfsburg und Bayern München jeweils verloren.
Tuchels Gegenüber Dardai hatte schon im vergangenen Sommer den Traum vom „Endspiel zu Hause“ neu belebt. „Ich habe lange hier gespielt, wir haben immer versagt“, erzählte der Ungar. Nach seiner Karriere sei er aus seiner nahe gelegenen Wohnung immer verärgert Richtung Olympiastadion gepilgert. „Uns hat kein Trainer richtig erklärt, welche Bedeutung dieses Finale hat“, erinnerte sich Dardai.
Rund zehn Millionen Zuschauer werden am 21. Mai vor den TV-Schirmen sitzen. 2,5 Millionen Euro ist der Sprung ins Endspiel wert, eine weitere Million der Finalsieg. Vier Millionen Euro hat Hertha in der bisherigen Pokalsaison schon verdient. Und dann lockt natürlich die Titelchance. Die Meisterschafts-Triumphe der Berliner stammen aus den Jahren 1930 und 1931, die verlorenen DFB-Pokal-Finals waren auch schon 1977 und 1979. „Wenn du nicht Bayern München oder Borussia Dortmund bist, ist es schwierig, Titel zu holen in Deutschland“, bemerkte der Schweizer Fabian Lustenberger als Hertha-Kapitän.
Dardai machte aus all dem eine Motivation für sein ganzes Team - und die wirkte. In der Liga formte er aus einem Abstiegskandidaten einen Anwärter auf einen internationalen Wettbewerb. Auch deshalb konnte Herthas Bundesliga-Rekordspieler jetzt vor dem „Spiel des Jahres“ locker verkünden: „Dortmund ist der Favorit, wir haben unser Ziel längst erreicht. Wenn wir es gut mitmachen, können wir 20 Jahre davon erzählen. Innerhalb von einem Spiel kannst du ein Wunder schaffen.“
Die Aufmerksamkeit für die Hertha ist bereits beim ersten Halbfinale seit 35 Jahren so hoch wie lange nicht. „Diese Woche gibt es große Schlager in Berlin, erst Dortmund und am Samstag Bayern. Berlin lohnt sich“, betonte Löw im TV-Sender Sky. Der Promi-Auflauf ist hoch: Neben Löw haben sich auch Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, der neue DFB-Präsident Reinhard Grindel sowie zahlreiche Politiker angesagt. 76 233 Zuschauer sind live dabei.
Vor allem mit Leidenschaft und Freude will Hertha die Dortmunder ärgern. Allerdings ist das Mitwirken von Spielmacher Vladimir Darida (Innenband-Dehnung) noch fraglich. „Wir erinnern uns, dass wir es zuletzt im Februar gut gemacht haben“, erklärte Manager Michael Preetz optimistisch. Beim 0:0 in der Bundesliga hatte Hertha die Borussia am Rand einer Niederlage. „Die Geschichte vom David und Goliath im Pokal ist unendlich“, hofft der Manager.
Dortmund ist gewarnt. „Wir müssen eine deutliche Schippe drauflegen im Vergleich zu unseren Spielen seit der Länderspielpause, wenn wir am Mittwoch bestehen wollen“, kommentierte Tuchel. Kommentaren, dass die bisher eigentlich positive Saison im Falle einer weiteren Niederlage für den BVB wertlos sei, widersprach er energisch: „Ich habe keine Lust, alles was die Mannschaft ausstrahlt, an ein, zwei Spielen aufzuhängen und darüber nachzudenken, was passiert, wenn wir verlieren. Wir fühlen uns in der Lage zu gewinnen.“
Voraussichtliche Aufstellungen:
Hertha BSC: Jarstein - Pekarik, Stark, Brooks, Plattenhardt - Weiser, Lustenberger, Skjelbred, Haraguchi - Ibisevic, Kalou
Borussia Dortmund: Bürki - Piszczek, Sokratis, Hummels, Schmelzer - Weigl, Gündogan, Castro - Mchitarjan, Ramos, Reus
Schiedsrichter: Aytekin (Oberasbach)