EM-Referee Kassai kann Torklau „kaum ertragen“

Budapest (dpa) - Der Torklau-Skandal lässt dem untröstlichen Schiedsrichter Viktor Kassai keine Ruhe. „Ich kann es kaum ertragen, was passiert ist“, sagte der ungarische Referee nach der Ankunft in seiner Heimat.

Den Rest der EM muss der von UEFA nicht mehr berücksichtigte Kassai genauso am Fernseher verfolgen wie Gastgeber Ukraine, dem seine Fehlentscheidung die Chance auf das Weiterkommen geraubt hatte. Im letzten Vorrundenspiel der Ukrainer gegen England hatte Kassai ein klares Tor von Marko Devic nicht anerkannt. Sein Torrichter Istvan Vad hatte ihn im Stich gelassen.

„Was geschehen ist, können wir nicht ändern“, sagte Kassai auf der Internetseite des ungarischen Verbandes fast schicksalsergeben. Die Ukrainer verloren die entscheidende Partie um den Viertelfinaleinzug 0:1 und gaben dem Referee die Hauptschuld. „Der Name von Schiedsrichter Kassai ist in der Ukraine jetzt ein neues Schimpfwort“, wetterte die Zeitung „Segodnja“. Zerknirscht gestand Kassai nun „einen schweren Fehler“ ein.

Direkt nach dem Spiel habe er mit seinem Team die Szene analysiert und den Patzer sofort erkannt. Englands Abwehrchef John Terry schlug den von Keeper Joe Hart abgefälschten Ball von Devic klar hinter der Torlinie weg. Torrichter Vad aber sah es nicht. „Wir sind außerordentlich enttäuscht, der Fehler hat uns empfindlich getroffen“, räumte Kassai ein. Der 36-Jährige beklagte das harte Los der Schiedsrichter. Auch 199 richtige Entscheidungen seien „völlig egal“, ein einziges Fehlurteil „verhängnisvoll“.

Die Torklau-Affäre hatte die Dauerdebatte um den Einsatz von Torlinien-Technologie erneut befeuert. Weltverbandschef Joseph Blatter twitterte nach einem Treffen mit Franz Beckenbauer, beide seien sich über die Einführung der Technik einig. Am 5. Juli wird das International Football Association Board bei einer Sitzung am FIFA-Stammsitz in Zürich eine Entscheidung treffen. Blatter sagte, er sei „zuversichtlich, dass die Zeichen der Zeit erkannt werden“.

UEFA-Chef Michel Platini hatte sich indes noch zu Wochenbeginn einmal mehr gegen technische Hilfsmittel ausgesprochen. Bei Kassai darf der Franzose wohl auf keine Unterstützung hoffen. Ein Referee müsse „in Bruchteilen von Sekunden über Zentimeter entscheiden, ohne Bildaufnahmen und Bilder aus verschiedenen Kameraeinstellungen zu kennen“, sagte der ungarische Reisekaufmann und ließ durchblicken, dass er für jede Hilfe dankbar gewesen wäre.

Der schwarze Abend von Donezk ist der erste Rückschlag in der bis dahin glänzenden Schiedsrichter-Laufbahn von Kassai. Nach dem WM-Halbfinale 2010 zwischen Deutschland und Spanien durfte er auch das Champions-League-Endspiel im Vorjahr pfeifen. Nun müssten er und sein Team „akzeptieren, dass die EM für uns früher zu Ende war als wir es geplant hatten“, sagte Kassai.

Bei allem Frust aber will Kassai möglichst bald wieder auf der großen Fußballbühne pfeifen. „Ich bin mir sicher, dass alle in meinem Team aus diesem Rückschlag Kraft schöpfen werden, und wir nächste Saison wieder beweisen, dass wir zur Weltspitze gehören“, sagte der Schiedsrichter.