Ausstellung zur Architekturfotografie Häuser mit Seele

Düsseldorf · Irmel Kamp hat die Architektur der Moderne mit der Kamera festgehalten. Dabei entstanden eigenwillige Porträts von Gebäuden, die jetzt in der Galerie Linn Lühn zu sehen sind.

Irmel Kamp fotografiert seit mehr als 40 Jahren Architektur.

Foto: Albrecht Fuchs

Obwohl das House Levy in Tel Aviv erkennbar bessere Tage gesehen hat, geht von dem modernistischen Gebäude ein Eindruck aus, den man majestätisch nennen möchte – wenn das nicht allzu feierlich klänge. Auf einer Anhöhe gelegen, zieht der schlanke, mehrstöckige Solitär mit der elegant gekurvten Vorderseite und dem kecken Dachaufbau die Blicke magisch auf sich.

Kein Wunder, dass auch die Architekturfotografin Irmel Kamp auf dieses Wohnhaus aufmerksam wurde, als sie von 1987 bis 1993 mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) das Projekt „Neues Bauen Tel Aviv 1930–1939“ umsetzte. Hintergrund der Serie: Die zweitgrößte Stadt Israels wurde in den 1930er-Jahren zum rettenden Hafen für eine Reihe von Bauhaus-Architekten, die vor den Nazis geflohen waren.

Mehr als 4000 Gebäude gehen zurück auf diese Bauhäusler-Emigration. Häuser, die sich durch kubische Baukörper und klare geometrische Formen auszeichnen. Und durch helle Fassaden, deren Farbgebung dem mediterranen Klima der Region angepasst ist. „Weiße Stadt“ wird der Bauhaus-Satellit deshalb genannt; 2003 erklärte die Unesco das Ensemble zum Weltkulturerbe.

Für Irmel Kamp (Jahrgang 1937), die seit mehr als vier Jahrzehnten moderne Architektur fotografiert, ein ideales Studienfeld. Jetzt zeigt die gebürtige Düsseldorferin, die mit ihrem Mann, dem Bildhauer Joachim Bandau, seit Langem in Aachen lebt, in der Galerie Linn Lühn eine kleine, aber feine Ausstellung, deren Architekturbilder zwei Serien entstammen: Neben dem Tel-Aviv-Block (dem sieben Arbeiten in der Schau angehören) ist das 1996/97 fotografierte Ensemble „Les Années Trente“ mit acht Abzügen vertreten – dabei konzentriert sich Kamp auf Architekturdenkmäler der Moderne, die in den 1930er-Jahren in Brüssel entstanden. In erster Linie bekannt als Metropole von Jugendstil und Art déco, finden sich auch in Brüssel etliche Gebäude, die auf Fassadendekor verzichten, weil sie dem Motto „Form folgt Funktion“ verpflichtet sind.

„Tel Aviv (House Levy)“ von 1989.

Foto: Irmel Kamp, courtesy Linn Lühn, Düsseldorf & Thomas Fischer, Berlin

Die Galeristin sieht in den Gebäuden eigene Seelen

Zurück zu House Levy in Tel Aviv: Anders als die Fotografen Bernd und Hilla Becher, die industrielle Bauten ins Raster einer rigiden, streng sachlichen Typologie einpassten, dokumentiert Irmel Kamp Architektur inklusive jener Eigenarten, die der Alltag oder der Zahn der Zeit mit sich bringen. Vermeintlich unliebsame Zutaten – bröckelnde Fassadenteile, abgesprungener Putz, Palmen und andere Gewächse, Fernsehantennen oder Stromkabel, die sich durchs Bild ziehen – empfindet sie nicht als störend. Im Gegenteil: Sie sind bei diesen Fotografien gewissermaßen das Salz in der Suppe. Wer genau hinschaut, erkennt sogar ein Fahrrad, das über einem Balkon von House Levy aufgehangen ist. Und am unteren Rand, wo ein Bürgersteig verläuft, mobilisiert das herrenlose Equipment eines Straßenkehrers die Fantasie.

„Die Gebäude haben eine Seele”, findet Linn Lühn. Die Galeristin führt in kleinerem Maßstab fort, was jene Irmel-Kamp-Ausstellungen leisteten, die schon im Jahr 2023 im Leopold-Hoesch-Museum in Düren sowie im Museum für Photographie Braunschweig zu sehen waren. Zuvor gehörte Kamp zur Kategorie „Geheimtipp“.

Freilich erschließt sich die unverwechselbare Note ihrer schwarz-weißen Architektur-Stillleben erst bei näherem Hinsehen. Von manchen der Bilder geht etwas Mysteriöses aus. Bei der Brüssel-Serie gilt das vor allem für die Aufnahme des Maison Wolfers, das Henry van de Velde 1929 entwarf. Trotz gleißendem Tageslicht sind die Fensterrollläden heruntergelassen; im Verbund mit der Ziegelfassade geben sie dem Eckhaus etwas Strenges, ja Bunkerhaftes. Unwillkürlich gerät man ins Fabulieren: Was mag sich hinter den verschlossenen Jalousien abspielen? Birgt das Gebäude ein Geheimnis? Aber welches? Ein Setting wie für einen Hitchcock-Film.