Um 6 Uhr morgens brechen fünf Musiker am Thuner See in der Schweiz auf, fahren exakt 674 Kilometer nach Kempen und geben am Abend ein umjubeltes Konzert in der „Haltestelle“. Es ist deren Betreiber Andreas Baumann und seinen persönlichen Kontakten zu danken, die er bei einem Jazz-Event in Ascona in der Schweiz knüpfte, dass die „Full Stream Jazzband“ den weiten Weg für dieses einzige Konzert in Deutschland auf sich nahm. Schon am Tag danach reiste die Truppe wieder zurück.
Vor 38 Jahren gegründet, macht die Band ihrem Namen alle Ehre und spielt mit Volldampf auf. Sie interpretiert die „Gute-Laune-Musik“ des guten alten New Orleans-Dixieland-Jazz auf ihre eigene Weise und mit großer Spielfreude. Die Band, die vor Esprit nur so sprüht, führt Beat Jost (Klarinette, Saxophone, Querflöte und Gesang). Ihm zur Seite in vorderster Front: Michael Brand (Trompete, Flügelhorn). Dazu Martin Zuber (Banjo, Gitarre, Gesang), Franz Schmidlin (Kontrabass, Tuba und Sousaphone) sowie der Drummer Urs Kunz (Schlagzeug und Waschbrett). Die fünf Schweizer boten ein breites Repertoire aus Standards wie „Sweet Georgia Brown“ und „Ain‘t she sweet“, Ohrwürmern wie „Gloryland“ und „Bei mir bist du schön“ und verjazzen einen ungarischen „Czardas“.
Dank des überragenden Klarinettisten Beat Jost aber bestimmten Kompositionen des legendären Jazzmusikers und Komponisten Sidney Bechet den Konzertabend in der prall gefüllten Haltestelle. Nicht nur der Evergreen „Petite Fleur“, sondern auch Titel wie „Promenade aux Champs Elysees“, “Si tu vois ma mere“ und das unbekanntere „Coal black shine“ waren in kreativen Arrangements und ideenreichen Improvisationen zu hören.
Es erklangen bluesige Titel wie „Perdido Street“, blumige wie „Begonia“ und lustige wie „All the girls go crazy (about the way he walks), was dem Trompeter Gelegenheit zu einer witzigen Tanzeinlage gab. Nach „Between the devil and the deep blue sea“ von George Harrison war bei dem von den Blues Brothers bestens bekannten Song „Minnie the Moocher“ von Cab Calloway Zeit für das Publikum, singend und klatschend auch einmal selbst mitzumachen. Louis Armstrong darf bei New Orleans Jazz natürlich nicht fehlen: Er war mit „What a wonderfuil world“ vertreten. Und bei „Heart of my heart“ von Ben Ryan aus den 1920er Jahren wurde den staunenden Niederrheinern eine Textzeile im besten Berner Schwyzerdütsch serviert.
Stehende Ovationen, mehrere Zugaben: Die Schweizer begeisterten in Kempen mit einem höchst unterhaltsamen Programm, einer humorvollen Moderation und einem musikalisch hohen Niveau.