Nach mehr als 40 Jahren gibt es eine Wende im berühmten Yogtze-Fall, dem Cold Case um den vermeintlichen Mord an Günter S. (34). „Wir gehen von einem Verkehrsunfall aus“, sagte Polizeisprecher Tino Schäfer in Hagen. Dies sei das Ergebnis neuer Untersuchungen und Gutachten. Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte zuvor berichtet.
Auch die Staatsanwaltschaft in Hagen sieht den Fall inzwischen als aufgeklärt und abgeschlossen. Die neuen Gutachten ließen nur einen Schluss zu: Es habe sich um einen Alleinunfall gehandelt, sagte Staatsanwalt Gerhard Pauli.
Aufgrund damaliger Gutachten und der Aussagen des sterbenden Opfers waren die Ermittler lange Zeit von einem Mord ausgegangen: Der 34-jährige arbeitslose Lebensmitteltechniker aus Anzhausen (Kreis Siegen-Wittgenstein) sei mehrfach überrollt worden, hatte ein Gutachter nahegelegt.
In seinem Wagen seien fremde Männer gewesen, hatte Günter S. noch selbst gesagt, bevor er starb. Doch auch die bundesweite Aufmerksamkeit durch die Vorstellung des Falls in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY...ungelöst“ konnte den Ermittlern 1985 nicht zum Durchbruch verhelfen. Inzwischen ist auch klar, wieso sie das nicht konnte.
Nackt auf dem Beifahrersitz
Neue Gutachten und eine Rekonstruktion des Geschehens hätten überzeugend gezeigt: Es gab keinen Mord, es war ein selbst verschuldeter Verkehrsunfall. S. war nicht angegurtet, als sein Wagen bei Hagen von der Autobahn 45 abkam und mit Bäumen kollidierte.
Seine Verletzungen passten überhaupt nicht zu einem Überrollen, wohl aber zu der Kollision, ergaben zwei neue Gutachten. Die Kollision habe ihn auf den Beifahrersitz katapultiert. Dort war er später nackt entdeckt worden. Fremd-DNA der ominösen Männer fanden die Ermittler in seinem Wagen dagegen nicht.
Der Yogtze-Zettel
Der 34-Jährige habe sich dafür schon vor dem Unfall seltsam verhalten. „Er war psychisch stark auffällig“, sagte der Staatsanwalt. So soll er sich verfolgt gefühlt haben. „Wir gehen aber inzwischen davon aus, dass da niemand war.“
Die Witwe von Günter S. hatte berichtet, dieser habe kurz vor seinem Tod, bevor er verschwand, die Buchstabenkombination YOGTZE auf einem Zettel notiert. In keiner Sprache der Welt ergibt dies einen Sinn, hatten die Ermittler herausgefunden.
Regelmäßig waren Hinweise auf eine mögliche Bedeutung des Wortes bei der Polizei eingegangen. Der berühmte Zettel zählt nicht zu den Asservaten, sondern ist verschwunden. Die Witwe hatte ihn weggeworfen, weil sie ihm zunächst keine Bedeutung beimaß.
Der 34-jährige Günter S. war im hessischen Haigerseelbach (Lahn-Dill-Kreis) aufgewachsen und später über die Landesgrenze ins Siegerland nach Nordrhein-Westfalen gezogen.
Verschwunden am 25. Oktober 1984
Dort verschwand er am 25. Oktober 1984 und wurde Stunden später an der A45 in Hagen von Fernfahrern entdeckt. In den Stunden vor seinem Tod verhielt er sich auffällig. Seiner Frau sagte er, dass ihm jemand etwas antun wolle.
Kurz darauf wurde er in einer Gaststätte beobachtet, wo er ohne erkennbaren Grund zu Boden fiel. Dann suchte er eine Bekannte auf, die ihn nicht in ihre Wohnung ließ.
Wenige Stunden später wurde er dann mitten in der Nacht schwer verletzt und unbekleidet auf dem Beifahrersitz seines eigenen Autos nahe der Anschlussstelle Hagen-Süd durch zwei Lkw-Fahrer entdeckt. Er starb kurze Zeit später in einem Hagener Krankenhaus.
Der Arbeitslose S. habe unter Depressionen gelitten und sich kurz vor seinem Tod sehr wahrscheinlich in einem psychischen Ausnahmezustand befunden, der sein auffälliges Verhalten plausibel macht, teilten die Behörden nun mit.
41 Jahre späte bilanzieren sie: „Weder die Spurenlage noch Zeugenaussagen konnten letztlich eine Fremdeinwirkung bestätigen. Stattdessen sprechen die aktuellen Erkenntnisse für einen selbst verschuldeten Verkehrsunfall.“ Das dürfte zu einer nachträglichen Korrektur von Kriminal- und Verkehrsunfallstatistik für das Jahr 1984 führen.
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