Köln. Nein, der Kardinal ist nicht der Typ des blassen Kirchenverwalters. "Widerstandskämpfer Gottes" sagen die einen ehrfürchtig. "Faust des Papstes" sagen die anderen, weil ihnen sein heiliger Zorn manchmal zu weit geht.
Doch dass der politisch unkorrekteste Kirchenmann Deutschlands immer mal wieder aneckt, schätzt niemand mehr als der Papst im fernen Rom selbst. Vor ein paar Tagen noch hatte Meisner seinem alten Duzfreund Benedikt den Rücktritt angeboten, weil das Kirchenrecht dies von einem Erzbischof verlangt, wenn er 75 Jahre alt wird.
Der Heilige Vater lehnte ab und befand, dass Meisner unverzichtbar sei, weil er "widerspreche, wenn widersprochen werden muss, ohne auf taktische Vorteile Rücksicht zu nehmen".
Joachim Kardinal Meisner reagierte sichtlich gerührt ("der Papst, das ist ein Kerl!"), um sich dann ganz in die Weihnachtsvorbereitungen zu vertiefen. Wenn der Erzbischof von Köln am Ersten Weihnachtstag das Festhochamt im Dom zelebriert, wird dabei sein eigener Geburtstag ganz im Schatten stehen.
Wer ist dieser Kardinal wirklich? Ein Reform-Verhinderer, der dazu beiträgt, dass die Kirche den Menschen fremd wird? Oder einer, der den Glauben davor bewahrt, im Werte-Wirrwarr einer lauten Zeit verloren zu gehen?
Zunächst ist Meisner jemand, der die katholische Kirche in Erinnerung ruft. Denn in den Redaktionsstuben der Republik klopft man mit Akribie seine Sätze ab, weil sie einen Aufreger enthalten könnten, der für eine Empörungswelle gut wäre. Vielleicht ein heikler Nazi-Vergleich?
Der Begriff von der entarteten Kunst gar? Oder ein Satz, der die Worte Sünde und Homosexualiät enthält?
Geht das Skandal-Erkennungsprogramm in den Köpfen der Redakteure leer aus, wandert der Text womöglich gleich in den Papierkorb. Schlägt es an, huschen wenig später Eilmeldungen über Monitore. "Ich wundere mich manchmal selbst, was dann für eine Aufregung entsteht", sagte Meisner kürzlich.
"Aber ich habe noch nie etwas aus Feigheit verschwiegen, und deshalb kann ich gut schlafen, wenn ich beschimpft werde."
Lieber teilt Meisner jedoch aus, wie neulich, als sein Donnerwetter auf Börsianer niederging. Es mache ihn zornig, wie die Banker mit dem Geld anderer Leute umgingen. "Ich dachte immer, sie wären Treuhänder des Kapitals anderer Leute."
Seit 1989 sitzt Meisner nun auf dem Stuhl des heiligen Maternus in Köln. Von dort regiert er autoritär die mächtigste Diözese Deutschlands. "Absolutistisch" sagen diejenigen, denen sein Stil nicht gefällt. Dabei versucht er gar nicht erst, sich innerkirchlich als Verfechter demokratischer Führungsprozesse darzustellen. Was Gott will, lässt sich nach seiner Überzeugung nun einmal nicht demokratisch festlegen.
Seit er 1989 auf Anordnung des Pontifex von Berlin nach Köln kam, prallen rheinische Liberalität und seine persönliche ostdeutsche Strenge aufeinander. In Breslau geboren, war Meisner in den 80er Jahren Erzbischof von Berlin.
Immer hatten Widerspenstigkeit und Wachsamkeit gegenüber dem totalitären Staat zu seiner Rolle gehört. Diese Skepsis hat er auch in der westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts nicht abgelegt. Auch hier klingt seine Systemkritik oft so harsch, als stehe die abendländische Gesellschaftsordnung vor dem Kollaps.
Aber auch wenn die Menschen der Kirche in Scharen den Rücken kehren: Angst vor dem Niedergang hat der Kölner Kardinal nicht. "Die Kirche ist nicht unterzukriegen. Vielleicht steht der große Aufbruch schon vor der Tür."