Porträt: Daniel Bahr - der Machiavelli aus Münster

Berlin (dpa) - Um einen guten Spruch ist Daniel Bahr selten verlegen. „No risk, no fun“, meinte er an jenem legendären 19. Februar, als die FDP im Kanzleramt Joachim Gauck als Kandidaten für das höchste Amt im Staate durchdrückte.

Der selbstbewusste Gesundheitsminister saß gar nicht am Verhandlungstisch.

Doch er schaffte es, die Kanzlerin zur Weißglut zu bringen. Bahr forderte öffentlich, Merkel müsse bei Gauck über ihren Schatten springen.

Der 35-Jährige liebt das politische Machtspiel hinter den Kulissen und wird bisweilen augenzwinkernd mit dem italienischen Renaissance-Fürsten Niccolo Machiavelli verglichen. Das gilt für Kämpfe in der FDP, mit dem Koalitionspartner Union oder der mächtigen Pharma-Lobby in Berlin.

Im Sommer 2010 war Bahr noch Staatssekretär im Gesundheitsministerium, sein Chef hieß Philipp Rösler. Die Stimmung bei Schwarz-Gelb war auf einem Tiefpunkt. Die CSU beschimpfte die Liberalen im Streit um den Gesundheitsfonds als „Gurkentruppe“. Das ließ Bahr nicht auf sich sitzen - in einem Interview verpasste er den Christsozialen das Etikett „Wildsau“. Dafür gab es eine Rüge von Merkel, aber viel Anerkennung in den eigenen Reihen.

Jetzt aber tut sich Bahr schwer, in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen bei der Neuwahl im Mai als Spitzenkandidat anzutreten. Das nutzen seine Gegner, von denen es in Berlin und Düsseldorf einige gibt, um ihn über Bande unter Druck zu setzen. FDP-Urgestein Gerhart Baum sagte „Spiegel Online“: „Es wäre nur konsequent, wenn Herr Bahr als Bundesminister - wie Herr Röttgen auf Seiten der CDU - als Spitzenkandidat für die Liberalen antritt.“

Der Chef des wichtigsten und schlagkräftigsten Landesverbandes müsse in den FDP-Schicksalswochen Flagge zeigen. Winke Bahr ab, könne das als Signal missverstanden werden, dass er selbst nicht an einen Wiedereinzug in den Landtag glaube, heißt es. Bahr wich nach dem Bruch von Rot-Grün in Düsseldorf keiner Kamera aus, verteidigte gewohnt eloquent das FDP-Nein bei der entscheidenden Haushaltsabstimmung. Zur Kandidatenfrage sagte er nichts.

Seit Dienstagabend macht Bahr das, wofür er intern gleichermaßen geachtet wie gefürchtet wird - er taktiert, sondiert, finassiert. Bahr weiß: Eine Pleite in NRW würde seine bisher weiße FDP-Weste beflecken und könnte seinen Einfluss in der Bundespartei schmälern, wenn nach einem möglichen Rösler-Sturz in wenigen Wochen Macht und Posten in der FDP neu verteilt werden.

Dabei kann Bahr niemand absprechen, dass ihm NRW nicht am Herzen liege. Er lebt seit seiner Kindheit in Münster, preist bei jeder Gelegenheit die Schönheit des Münsterlandes. In der Studentenstadt entspannt er zusammen mit seiner Frau, dreht am Aasee seine Runden, um für den nächsten Marathon zu trainieren.

Nach der Banklehre fing Bahr bei der Dresdner Bank an. Mit 14 trat er bei den Julis ein, wurde 1999 Chef der FDP-Nachwuchsorganisation. In seiner Amtszeit schoss die Mitgliederzahl nach oben, junge Mädchen sollen sich nach Bahr-Postern gerissen haben. Mit 25 zog er in den Bundestag ein.

In der Fraktion machte sich Bahr schnell einen Namen als Gesundheitsexperte. Nach dem Wahltriumph 2009 wurde er aber „nur“ Staatssekretär. Der damalige Parteichef Guido Westerwelle machte Rösler zum Gesundheitsminister. Im Frühjahr 2011 waren es dann Bahr, Rösler und Ex-Generalsekretär Christian Lindner, die Westerwelle zum Rücktritt zwangen und die FDP über einen „mitfühlenden Liberalismus“ wieder sympathisch machen wollten. Bahr stieg zum Bundesminister auf.

Im Dezember aber zerbrach die „Boy Group“ endgültig, als Lindner überraschend zurücktrat. Der arbeitet gerade an seinem Comeback und soll Chef des mächtigen Kölner FDP-Bezirksverbandes werden. Bahr könnte sein nach dem Neuwahl-Unfall angeknackstes Image als Strippenzieher schnell reparieren, wenn ausgerechnet Lindner als Spitzenkandidat der NRW-FDP antreten würde.