Der staatlich verordnete Boykott jüdischer Geschäfte beginnt am 1. April 1933: „Deutsche, kauft nicht bei Juden“ ist plötzlich überall zu lesen, SA-Männer bauen sich bedrohlich vor den Läden auf. So auch vor dem Schuhgeschäft des Krefelder Kaufmanns Rudolf Hirsch an der Ecke Rheinstraße/Hochstraße. Es ist der Beginn der „Arisierung“, also der systematischen Verdrängung von Juden aus Handel und Gewerbe, wie die Historikerin Irene Feldmann den Teilnehmern einer „Mittagspausenführung“ erläutert, die seit Kurzem von der NS-Dokumentationsstelle Villa Merländer angeboten wird.
Beim zweiten Termin dieser Art führt Feldmann die sechs Frauen und Männer, die sich am Treffpunkt vor dem Rathaus am Von-der-Leyen-Platz eingefunden haben, eben zu jener Stelle, an der sich einst das Schuhhaus von Rudolf Hirsch befand. „Wir machen eine knackige Führung von maximal 45 Minuten“, erzählt Feldmann, spezialisiert auf Wirtschafts- und Sozialgeschichte, auf dem Weg dorthin. Ihre normalen Stadtführungen dauern gut doppelt so lange, doch das neue Mittagspausen-Format richtet sich speziell an geschichtsinteressierte Menschen, die nur wenig Zeit haben. Ihnen soll in dieser kurzen Zeitspanne die Möglichkeit geboten werden, sich mit einer besonders wichtigen Epoche der Krefelder Geschichte auseinanderzusetzen. So können sie im besten Fall nachvollziehen, wie die Demokratie 1933 im Übergang zwischen der Weimarer Republik und dem NS-Staat systematisch ausgehöhlt und letztendlich zerstört werden konnte.
Die Pläne zur „Arisierung“
lagen schon in der Schublade
Eine der ersten staatlich angeordneten Maßnahmen des nationalsozialistischen Regimes im Zuge der systematischen Verfolgung und Vernichtung der Juden war der reichsweite Boykott jüdischer Geschäfte. „Die Pläne dafür lagen schon vorher in der Schublade und wurden nach der Machtergreifung im Januar 1933 schnell umgesetzt“, erläutert Feldmann. Wohl Hunderte alteingesessene Krefelder Geschäfte waren davon betroffen – die Historikerin und Mitarbeiterin der Villa Merländer hat zur Führung mehrere Seiten lange Listen mitgebracht, auf denen diese Geschäfte aufgeführt sind. Betroffen waren das große Kaufhaus Tietz (später Kaufhof) ebenso wie kleine Läden, darunter ein Eisenwarengeschäft an der Konventstraße in Hüls.
Rudolf Hirsch, 1907 geboren, hatte das Schuhgeschäft, eines der besten von Krefeld, von seinem 1926 verstorbenen Vater Moritz übernommen. Die Familie verkehrte in gehobenen Kreisen, doch das schützte sie 1933 nicht vor der Verfolgung. Seine Erinnerungen an diese Zeit hat Hirsch, der 92 Jahre alt geworden ist, später in seiner Autobiografie „Aus einer verlorenen Welt“ aufgeschrieben. „Die Welt (meiner Kindheit und Jugend) ist auf schreckliche Weise untergegangen, nein, sie wurde ermordet“, heißt es darin.
Der am 1. April eingeleitete Boykott jüdischer Geschäfte wurde laut Feldmann schon am 4. April wieder ausgesetzt: So leicht, wie gedacht, waren die Menschen jüdischen Glaubens im Wirtschaftsleben nicht zu ersetzen. Hinzu kommt: „In Krefeld ist dieser Boykott nicht gut angekommen.“ So seien wohlhabende Stammkunden von Rudolf Hirsch weiter in das Schuhgeschäft gekommen und hätten sich sogar leere Kartons einpacken lassen, um nach außen zu demonstrieren: „Wir kaufen weiter hier ein.“ Eine mutige Tat, so Feldmann, denn die SA drohte unverhohlen mit Aktionen gegen die Käufer, sogar in Zeitungsanzeigen.
Der Widerstand konnte auch nicht lange aufrechterhalten werden: Schon 1933 verlor Familie Hirsch ihr Geschäft, ein Angestellter, Gustav Grüterich, habe es sich unter den Nagel gerissen, erzählt Feldmann. Vergeblich strengte Hirsch 1951 einen Rückerstattungsprozess an: Angestellte von Grüterich bezeugten darin, der Laden sei runtergewirtschaftet gewesen. „Die Bilanzen sagten etwas anderes“, betont die Historikerin.
Rudolf Hirsch, Kaufmann, Jude und Kommunist, ist 1938 nach Palästina geflohen. Seine Mutter Meta weigert sich, ihn zu begleiten – und wird 1942 in Auschwitz ermordet. Hirsch selbst versucht nach dem Krieg, nach Krefeld zurückzukehren, doch die britische Besatzungsmacht habe dem Kommunisten (er war schon 1931 der KPD beigetreten) die Einreise verboten. Er zieht daher nach Ost-Berlin, wo er sich als Gerichtsreporter der „Wochenpost“ und Schriftsteller einen Namen macht. Als kritischer Geist sei er aber auch in der DDR immer wieder angeeckt, berichtet Irene Feldmann.
Hirsch stirbt 1998 in Ost-Berlin. Wiederholt sei er aber noch zu Besuch in Krefeld gewesen, wo ihn eine Freundschaft mit dem Politiker Aurel Billstein verband. Der spätere Stadtverordnete, Gewerkschaftler, Aufklärer über die NS-Zeit und Krefelder Ehrenbürger hatte Rudolf Hirsch einst für den Kommunismus begeistern können.