Pop-up-Büchern auf der Spur Bewegende Papierwelten in der Dorenburg

Grefrath · Im Niederrheinischen Freilichtmuseum in Grefrath sind ab Sonntag, 6. April, Bücher zu sehen, in denen ganz viel passiert, wenn man sie aufklappt, an Zipfeln zieht oder an Rädchen dreht. Klappbücher oder Pop-up-Bücher machen vielen Kindern Spaß. Dabei waren sie ursprünglich gar nicht für Kinderzimmer gedacht.

Museumsleiterin Anke Petrat (l.) und Alissa König, Kuratorin der Ausstellung, neben Moses, einer Leseratte, die die Besucher durch die Ausstellung führt.

Foto: Norbert Prümen

Es ist ja ein Segen, dass Hans Hartung aus Hattingen, ehemaliger Journalist und Sonderschullehrer, die Leidenschaft für Pop-up-Bücher nicht losließ. Seit über 25 Jahren sammelt er diese Bücher, in denen sich eine fabelhafte dreidimensionale Welt entfaltet, wenn man sie einmal aufklappt. In denen man an Papierzipfeln ziehen oder an Papprädchen drehen kann, um weitere Element der Bildgeschichte freizulegen.

Und so zählt Hartung zu den Hauptleihgebern einer neuen Ausstellung, die am Sonntag, 6. April, in der Dorenburg im Niederrheinischen Freilichtmuseum in Grefrath eröffnet wird. Für die Ausstellung, die unter dem Titel „Bewegende Papierwelten – Pop-up-Büchern auf der Spur“ diese beliebten Bücher in den Mittelpunkt stellt, lieh Hartung dem Museum rund 50 Exponate aus seiner Sammlung aus. Hinzu kommen weitere Bücher, unter anderem aus der Sammlung des Spielzeugmuseums im Freilichtmuseum, sowie eine Strecke von Exponaten, die zeigen, wie aufwendig es für einen Zeichner ist, solch ein Buch anzufertigen.

Diese stellte Tina Kraus, freiberufliche Illustratorin und Papierkünstlerin aus Münster, zur Verfügung. Wer die Ausstellung besucht, erfährt so Schritt für Schritt, wie sie für ihre Abschlussarbeit zunächst die ersten Entwürfe machte, dann die Geschichte entwickelte, Figuren in Aquarell malte und schließlich fertig aufgeklappt den „Circus Zingaro“ präsentieren konnte.

Viele kennen Pop-up-Bücher aus der Kindheit: Klappt man das Buch auf, eröffnet sich eine dreidimensionale, fantastische Welt.

Foto: Birgitta Ronge

Ausstellung wurde von
Volontärin konzipiert

Das Konzept für die neue Ausstellung entwickelte Alissa König aus Berlin, die zum Abschluss ihres wissenschaftlichen Volontariats im Freilichtmuseum zum ersten Mal eine Ausstellung komplett selbst kuratieren durfte. Mit dem Ergebnis ist Museumsleiterin Anke Petrat sichtlich zufrieden. Die Ausstellung macht Lust darauf, die Bücher und ihre Geschichte zu entdecken. Allein auf dieser Entdeckungstour sind Ausstellungsbesucher nicht: Leseratte Moses, angetan mit Detektivkappe und Lupe, begleitet sie dabei. Mit Moses können Besucher am Eingang zu den Ausstellungsräumen zunächst Selfies machen: Lustige Motive, die man dazu in die Hand nehmen kann, liegen auch parat.

Dieses Buch, in dem fabelhafte Wesen sogar im Badezimmer auftauchen, ist von Jan Piénkowski (1936-2022).

Foto: Birgitta Ronge

Und dann geht es weiter, mit Pop-up-Büchern durch die Jahrhunderte. Ein Zeitstrahl leitet die Besucher von Jahrhundert zu Jahrhundert und zeigt, dass diese Klappbilderbücher ursprünglich gar nicht für Kinder gedacht waren. Die ersten Bücher mit beweglichen Elementen sind aus dem 13. Jahrhundert bekannt, Drehscheiben darin wurden etwa für kalendarische Berechnungen genutzt. Die Erfindung des Buchdrucks verhalf danach auch den Pop-up-Büchern zu einem Aufschwung, im 16. Jahrhundert etwa wurden sie genutzt, um das Innere des Körpers sichtbar zu machen – der Studierende konnte die betreffenden Stellen einfach aufklappen, um die inneren Organe genauer zu sehen.

Im 18. und 19. Jahrhundert hielten die Klappbilderbücher verstärkt Einzug in die Kinderzimmer. Doch sie waren immer noch etwas Besonderes, aufwendig in der Herstellung und entsprechend teuer. Beispiele für diese Bücher sind in der Ausstellung zu sehen, darunter „Die Harlekinade“ von Robert Sayer aus dem 18. Jahrhundert und ein beeindruckend großer Papierzirkus von Lothar Meggendorfer mit unzähligen individuell gestalteten Figuren aus dem 19. Jahrhundert. Ein Exkurs erinnert Besucher auch an die Anziehpuppen aus Papier, die noch heute bei Kindern beliebt sind. Für „The History of Little Fanny“ etwa konnten die Kinder des 18. Jahrhunderts solche Figuren ankleiden und damit in der Kulisse des Klappbilderbuchs eine Geschichte nachspielen.

Für die Ausstellung beschränkte sich König nicht auf die Bücher. Es geht auch um die Herstellung, um die Stanztechnik und die Chromolitografie, die den mehrfarbigen Druck ermöglichte. Sie zeigt auch, dass die beweglichen Papierwelten nie aus der Mode kamen – bis heute nehmen Zeichner die Herausforderung an, komplexe Themenwelten auf Papierteile zu bannen, die sich durch Klappen, Drehen oder Ziehen vor dem Betrachter entfalten. Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist „Knick Knack Paddywhack“ (2002) von Paul Zielinski mit 200 beweglichen Teilen.

Wer die Ausstellung besucht, sollte unbedingt Zeit mitbringen. Um die kurzen Texte zu den Exponaten zu lesen und die aufgeklappten Bücher in den Vitrinen genauer zu betrachten, natürlich. Aber auch, um sich in der gemütlichen Leseecke auf einen Sitzsack zu fläzen und mit den Kindern durch aktuelle Pop-up-Bücher zu blättern, die Verlage für die Ausstellung zur Verfügung stellten. Und um gleich gegenüber in der „Bastelbox“ selbst zum Entwickler einer klappbaren Papierwelt zu werden. Bastelbögen für Klappkarten mit zwei verschiedenen Motiven liegen bereit, ebenso Kleber, Schere, Stifte.

Und dann geht es weiter, durch die Themen-Bereiche, die sich in vielen Pop-up-Büchern finden: Immer was los ist im Zirkus, auf der Theaterbühne, im Märchenwald, im Dornröschenschloss, auf dem Bauernhof und im Zoo. Zurück zum Ursprung führen die Bücher, die wieder Wissenschaft und Technik in den Mittelpunkt stellen und aufgeklappt zeigen, wie ein Auto oder ein Schiff von innen aussieht.