Schon der erste Zug kam zu spät

Vor 175 Jahren fuhr in Deutschland die erste Eisenbahn.

Nürnberg. Pferde scheuten, Kinder weinten und auch manchem Erwachsenen war nicht wohl in seiner Haut. Was war das für ein schnaufendes Ungeheuer, das sich an diesem 7.Dezember 1835 seinen Weg von Nürnberg nach Fürth bahnte? Es war der "Adler". Die grün-schwarz-rote Dampflokomotive eröffnete vor 175Jahren die erste Eisenbahnstrecke in Deutschland. Und hatte auch gleich Verspätung.

Eigentlich sollten schon drei Monate zuvor Passagiere befördert werden. Für den 25. August, den Geburtstag von König Ludwig I., war die Premiere vorgesehen. Doch der "Adler" traf erst im September in Einzelteilen per Schiff in Rotterdam ein. Der Weitertransport auf dem Rhein scheiterte zunächst am Gewicht, da kein geeigneter Lastkahn vorhanden war. Schließlich behinderte Niedrigwasser die Fahrt. Die Teile mussten erneut auf kleinere Kähne umgeladen werden.

Am 10. Oktober konnte die Ladung an Land gebracht werden, doch nun schlug die berüchtigte deutsche Bürokratie zu. Der Zoll verlangte eine detaillierte Auflistung über jedes geschmiedete, hölzerne und gusseiserne Teil. Erst drei Tage später ging es mit Fuhrwerken weiter nach Nürnberg, wo mit dem Zusammenbau des 7,62Meter langen und 11,4 Tonnen schweren "Adlers" begonnen werden konnte.

Die neun Wagen, die in Nürnberg, Fürth und Lohr gefertigt worden waren, warteten bereits auf ihr Zugpferd. Drei Waggons der ersten Klasse waren mit verglasten Fenstern und Polstersitzen ausgestattet, während vier der zweiten Klasse Vorhänge und ein Dach aus Segeltuch boten. In den beiden Wagen der dritten Klasse musste offen und auf Holzbänken gereist werden.

Am 7. Dezember war es soweit. Lokführer William Wilson setzte den Zug in Bewegung. König Ludwig I. blieb der Zeremonie aus Protest gegen die Verspätung fern. Neun Minuten brauchte der "Adler" für die sechs Kilometer lange Strecke, was die Fahrt gegenüber dem Pferdefuhrwerk um 16 Minuten verkürzte. Allerdings zu keinem günstigen Preis, selbst in der dritten Klasse kostete das Ticket sechs Kreuzer, ein Sechstel eines Tageslohns.

Schon bald wurden weitere Strecken eröffnet, auf denen längere und schwerere Züge verkehrten. Zu schwer für den "Adler", der 1857 außer Dienst gestellt wurde. Ein Nachbau steht im Nürnberger Eisenbahnmuseum, wo ihn Besucher bestaunen - und dabei erfahren, dass Verspätungen bei der Bahn Tradition haben.