ADHS bei Erwachsenen ist oft mehr als nur ein Konzentrationsproblem. Viele Betroffene kämpfen mit Perfektionismus, Organisationsproblemen oder Missverständnissen in der Partnerschaft. Das US-Magazin „ADDitude“ hat für seine Frühlingsausgabe (2025) fünf Fachleute gefragt, was typische Fälle ausmacht - und welche konkreten Ansätze helfen können. Hier sind drei davon:
1. Nicht nur Probleme vermeiden: Fokus auf positive Effekte
„ADHS ist nicht das Problem des Wissens, sondern des Handelns“, zitiert der Psychologe Ari Tuckman einen Kollegen. Er beobachtet häufig, dass Klientinnen und Klienten zwar gut verstehen, was sie ändern müssten - es aber im Alltag schwer umsetzen können.
„Bei ADHS hat man leicht das Gefühl, dass es im Leben zu sehr darum geht, Negatives zu vermeiden“, so der Psychologe. Er lege deshalb großen Wert darauf, über die positiven Aspekte zu sprechen, die die Klienten aus dem, was er mit ihnen bespreche, ziehen können. Zum Beispiel könne man selbstbewusst in ein Arbeitstreffen gehen, anstatt zu hoffen, ignoriert zu werden. „Oder heute Abend früher ins Bett zu gehen, damit man morgen leistungsfähiger ist und nach der Arbeit Zeit hat, sich mit Freunden zu treffen“, so der Psychologe.
„Wir alle profitieren davon, auf etwas hinzuarbeiten, das wichtig und sinnvoll ist. Ängste und Depressionen können uns dieses Gefühl der Zielstrebigkeit rauben, also müssen Sie herausfinden, was das für Sie ist. Dies wird Ihre Quelle für echte, dauerhafte Motivation sein.“
2. Andere Diagnosen kennen und erkennen
„ADHS kommt selten allein“, sagt Roberto Olivardia, Klinischer Psychologe. Viele seiner Klientinnen und Klienten wüssten gar nicht, welche Rolle ADHS im Zusammenhang mit anderen psychischen Problemen spielt, in der Entstehung im Auftreten, in der Entwicklung anderer Störungen - die dann oft nicht erkannt oder fehldiagnostiziert würden. Gerade bei ADHS im Erwachsenenalter überschneiden sich Symptome oder sind ähnlich. Nicht immer würden alle Störungen bei der Behandlung berücksichtigt, und das führe dazu, dass sich viele Betroffene als „unreparierbar“ empfinden.
Olivardia vergleicht die Diagnostik mit einem Puzzle: Nur wenn man jedes Symptom ernst nimmt und in Zusammenhang bringt, entsteht ein klares Bild. „Man muss sich nach jedem der Probleme erkundigen, um die Geschichte der Symptome zu erfassen. Wenn Sie zum Beispiel drei Tage hintereinander nicht geschlafen haben, könnte das ein Symptom für eine manische Episode, einen Kokainrausch, eine depressive Episode oder dafür sein, dass Sie Ihre Abschlussarbeit geschrieben haben (und ich habe damit Erfahrung), nachdem Ihr ADHS Sie dazu gebracht hatte, sie bis 72 Stunden vor dem Abgabetermin aufzuschieben.“
Behandler sollten sich daher immer fragen: „Welche Diagnose ist gerade am Steuer?“ - vor allem, wenn mehrere Diagnosen vorhanden sind. „Nur dann können wir die Puzzleteile richtig zusammensetzen und unseren Patienten aufrichtig vermitteln, dass sie nicht kaputt sind, sondern einfach mehr Zeit und Untersuchung brauchen, damit die richtige Behandlung wirksam wird.“
3. Selbstfürsorge hat Priorität - besonders für Frauen
Die Ärztin Dawn K. Brown behandelt in ihrer Praxis viele von ADHS betroffene PoC-Frauen. Für sie sei Selbstfürsorge schwierig, weil sie sich unter Druck fühlen, sich um alles und alle anderen zu kümmern. Aber: Ohne geht es nicht, erklärt Brown: „Sie müssen sich bewusst entscheiden, sich selbst an die erste Stelle zu setzen. Ansonsten geht alles den Bach runter.“
Sie beginne in der Arbeit mit ihren Patientinnen oft damit, eine persönliche Roadmap für die Verwaltung des Lebens mit ADHS zu erstellen.
„Ich hatte eine Patientin, eine alleinerziehende Mutter mit einem anspruchsvollen Job. Sie fühlte sich überfordert, war immer ihrer To-do-Liste hinterher, aber schaffte es nie, alles aufzuholen. Wir fingen damit an, ihren Tag aufzuteilen, Aufgaben zu priorisieren und Zeit für die Selbstfürsorge einzubauen“, berichtet Brown. Dann haben sie bestimmte Zeiten für Arbeit, Familie und sich selbst festgelegt - das Konzept heißt Time Blocking und funktioniert wie eine Art Stundenplan.
Im Laufe der Zeit lernte die Patientin, mehr Verantwortung zu Hause zu delegieren und den Druck loszulassen, alles perfekt zu machen. „Ich ermutige meine Patientinnen, Grenzen zu setzen und 'Nein' zu sagen, ohne sich schuldig zu fühlen“, so Brown. Dazu könne auch gehören, mit der Familie über das eigene Bedürfnis nach Ruhe zu sprechen oder bei der Arbeit um Hilfe zu bitten, wenn der Workload zu groß wird.
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