Greenpeace-Studie stellt Kohlekraftwerke an den Pranger

Doch einige Aussagen der Greenpeace-Erhebung werden von den eigenen Experten infrage gestellt.

Berlin. Ein riesiger Totenschädel grinst vom Kühlturm in den Nachthimmel. Greenpeace-Aktivisten projizierten den Totenkopf auf das Kohlekraftwerk im rheinischen Bergheim, um vor giftigen Schadstoffen zu warnen und um den Ausstieg aus der oft als dreckig bezeichneten Energie politisch voranzutreiben. Knapp zehn Jahre liegt die Aktion der Umweltschützer zurück, doch seine abschreckende Wirkung hat der Totenschädel bis heute nicht verloren. Seit Mittwoch ziert er das Titelblatt eines neuen Greenpeace-Berichts, der die für den Menschen schädlichsten Kohleschlote an den Pranger stellt.

Auf den ersten Blick sind die Zahlen erschreckend: Nicht weniger als 3100 vorzeitige Todesfälle sollen die 67 leistungsstärksten deutschen Kohlekraftwerke jedes Jahr durch giftige Emissionen herbeiführen. Die Anlage des Energieriesen RWE in Bergheim, dessen Turm der Totenkopf zierte, sei jährlich für 269 vorzeitige Tode verantwortlich, schreiben die von Greenpeace beauftragten Autoren der Universität Stuttgart in ihrer Studie. Das Vattenfall-Kraftwerk im brandenburgischen Peitz belegt mit 373 Todesfällen den ersten Platz der Tabelle. Gerald Neubauer, Energie-Experte bei Greenpeace, sagt deshalb: „Bei Kohlekraftwerken kommt der Tod aus dem Schlot.“

Das Umweltbundesamt hat Zweifel, ob sich die Feinstaub-Werte auf solche Todeszahlen zuspitzen lassen. Sicher gebe es zwischen den gemessenen Schadstoffen und der Zahl der Erkrankungen einen Zusammenhang, sagt Umweltbundesamt-Sprecher Stephan Gabriel Haufe. „Die Frage ist, ob man solche scharfen Aussagen und solche direkten Zuordnungen machen kann.“

Selbst der Mitautor der Studie, Rainer Friedrich von der Universität Stuttgart, ist wegen statistischer Schwankungen vorsichtig, wenn es um die Umrechnung in exakte Zahlen geht. „Die Zahlen sind unsicher“, räumt er bei der Vorstellung der Studie in Berlin ein. Außerdem wehten 30 bis 40 Prozent des in Deutschland gemessenen Feinstaubs aus benachbarten Ländern herüber. Mit einem deutschen Kohleausstieg wäre das Problem nicht gelöst.

Dass Feinstaub zu Atemwegsleiden, Lungenkrebs, Asthmaanfällen und Herzinfarkten führen kann, ist unstrittig, ebenso der Umstand, dass Kohlekraftwerke durch ihren hohen Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) im Vergleich zu Energie aus Sonne, Windkraft und Wasser Dreckschleudern sind.

Nur beiläufig wird aber erwähnt, dass die Kohleschlote laut Friedrich lediglich 13 Prozent des Feinstaubs in Deutschland ausmachen, während Straßenverkehr und Landwirtschaft für weitaus mehr Emissionen der giftigen Staubpartikel verantwortlich sind.