Aber noch nie sah man Merkel und anderen Spitzenpolitikern ihre tiefe Erschöpfung so sehr an wie in diesem Jahr. Das Führungspersonal der Republik bräuchte dringend eine Pause.
Schon nach dem Dauer-Wahljahr 2017 und den Jamaika- Kapriolen sah selbst FDP-Chef Christian Lindner blasser aus als seine Schwarzweiß- Fotos im Unterhemd. Nicht einmal ein kräftiger Bursche aus Münsteraner Bodenhaltung wie Jens Spahn bekam den Bartschatten noch aus dem Gesicht. Horst Seehofer setzten die Jamaika- und Groko- Nächte bei pappigen Brötchen mit angewellter Wurst so dermaßen zu, dass ihn im Februar eine Grippe ins Bett zwang. Der Doch-noch-Bundesinnenminister, der heute 69 Jahre alt wird, ist seit Wochen ein Fall für das Abklingbecken. Man ist geneigt, sich den Geburtstagswünschen von Grünen-Chef Robert Habeck anzuschließen: „Gesundheit und Ruhestand - das ist wohl das Beste, was man ihm wünschen kann.“ Oder zumindest endlich Ferien. Obwohl er bislang am wenigsten gefordert war, wacht selbst daseingeschlafene Gesicht von SPD-Finanzminister Olaf Scholz gar nicht mehr auf.
Die Kanzlerin, die seit Monaten die Hauptlasten Deutschlands und Europas trägt, hat inzwischen eine zweite Reihe Ringe unter den Augenringen. Übermü - det schleppt sich ein Heer der Müden, Matten und Maroden durchs Regierungsviertel. Manchmal möchte man ihnen allen einfach nur die letzten Zeilen aus dem schönen deutschen „Abendlied“ von Matthias Claudius (1740—1815) zurufen:
„So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und lass uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!“
Bekannter ist das Lied unter dem Titel „Mond ist aufgegangen“. Und Vollmond ist in Berlin ein Dauerzustand.