Historisches Vor 100 Jahren starb die Politgröße mit dem Wahlkreis Elberfeld-Barmen

Wuppertal · „Friedrich Ebert ist tot – es lebe die Republik“

Friedrich Ebert auf der Titelseite „Volk und Zeit“ im Februar 1921 zum 50. Geburtstag des Reichspräsidenten.

Foto: Repro Rhefus

Am 28. Februar 1925, vor 100 Jahren, starb Friedrich Ebert, der Sattler und „Mann aus dem Volke“, der als sozialdemokratischer Abgeordneter acht Jahre Barmen und Elberfeld im Reichstag vertreten und später zum Präsidenten der ersten deutschen Republik gewählt wurde. Sein Tod kam unerwartet und löste große Betroffenheit aus, denn Ebert war erst 54 Jahre. Seit sechs Jahren stand er der Republik, dem ersten demokratisch konstituierten Staat auf deutschem Boden, vor. Vielen galt er zugleich als die prägende Person der Revolution von 1918/19, die zur Republik geführt hatte.

Auf dem Weg durch Berlin und vor dem Reichstag nahmen etwa eine halbe Million Menschen Abschied von Ebert. Die Berliner Garnison mit dem Militärorchester hatte Stellung bezogen. Weitere Truppen aus dem ganzen Land waren zu Eberts Ehren nach Berlin beordert worden. Am Abend wurde der Sarg dann mit einem Sonderzug von Berlin nach Heidelberg, der Heimatstadt Eberts, überführt, wo er neben seinen beiden im Krieg gefallenen Söhnen beigesetzt werden wollte. An der Zugstrecke und den Bahnhöfen fanden sich nochmals mehrere 100 000 Menschen ein um von dem Reichspräsidenten Abschied zu nehmen.

Thomas Mann, der bedeutendste deutsche Schriftsteller der 1920er-Jahre – 1929 erhielt er den Nobelpreis für Literatur –, fand die wohl treffendsten Worte, um diese hohe Anteilnahme zu verstehen: „Ich glaube, dass es im Volke mehr echte Trauer um Ebert gibt, als man zu seinen Lebzeiten hatte gewärtigen sollen. Sieben Jahre der Gewöhnung an seine klug zurückhaltende Repräsentation, seine stille, vermittelnde und mäßigende Tätigkeit haben viel Vertrauen, viel ruhige Zuneigung, kurz, eine unausgesprochene Popularität gezeitigt, die jetzt als Gefühl der Entbehrung sich ihrer bewusst wird.“

„Einer wie wir alle,
einer mit Tugend und Schwäche“

Zugleich fanden im ganzen Land, in Städten und Gemeinden, mehrere Tausend Trauerfeiern statt, auch in seinem ehemaligen Wahlkreis Elberfeld-Barmen. Auf der Stadtratssitzung einige Tage später erhoben sich die Stadtverordneten bei den Traueransprachen der Oberbürgermeister von ihren Plätzen „Es war kein leichtes Amt, das Ebert aufgrund der Reichsverfassung in einer Zeit übernahm, als außen- und innenpolitisch die Lage unseres Volkes geradezu verzweifelt erschien. Das Amt erforderte ein vollgerütteltes Maß von Klugheit, von Geschick und vor allem Takt, um den ungeheuren Anforderungen gerecht zu werden, und es ist als Glück zu bezeichnen, dass wir einen solchen Mann in dem verstorbenen Reichspräsidenten unser Eigen nennen konnten.“ So skizzierte Paul Hartmann, der Barmer Oberbürgermeister, die Verdienste Eberts.

Auf Anordnungen des Schulministeriums war am Tag der Beisetzung, dem Donnerstag, schulfrei. Auch in den nichtkonfessionellen, den sogenannten „freien“ Schulen, in denen auch Lehrer und Lehrerinnen mit Sympathie für das linke Parteienspektrum tätig waren, wurden Gedenkfeiern abgehalten. Vor den Schülern zeichnete man Friedrich Ebert als Sohn des Volkes, im Unterschied zu bisherigen Herrschern, den Kaisern und Königen, die immer auch zugleich Repräsentanten der Oberklasse waren: „Hier stand ein Mensch (…) Einer wie wir alle, einer mit Tugend und Schwäche. Ein Kind der Zeit. Ein Kämpfer, Dulder, ein Gehetzter, noch am Tode Geschmähter.“

Was in diesen Worten mitklingt: Die Würdigung Eberts war nicht unumstritten. Zwei Tage nach Eberts Tod, am Sonntag, wurde in Deutschland der Volkstrauertag begangen. Es waren vor allem die Geistlichen der großen evangelischen Kirchen, die an diesem Tag an die Toten des Krieges erinnerten. Auf den Trauerfeiern auf den Ehrenfriedhöfen von Elberfeld und Barmen und in der Barmer Gesellschaft Konkordia hat „keiner der geistlichen Redner mit nur einem Wort des toten Präsidenten der Republik gedacht.“ So stellte es die örtliche SPD-Zeitung „Freie Presse“ fest.

Den Sozialdemokraten und den Freien Gewerkschaften galt Fritz Ebert als „der organisierten Arbeiter Deutschlands bester Vertreter und Förderer“. Eine Deputation aus Politikern und Gewerkschaftern aus Elberfeld-Barmen reiste persönlich zur Beisetzung nach Heidelberg – an der Spitze Robert Daum, der Vorsitzendes des gewerkschaftlichen Ortskartells. Doch während die Sozialdemokraten Ebert als „Sohn des Volkes“ ehrten, war in der „Roten Tribüne“, der kommunistischen Zeitung für Elberfeld-Barmen, zu lesen: „Ebert ist tot. Nieder mit der Ebert Republik!“ Mehr als 7000 politische Gefangene von der Linken saßen in den Gefängnissen der Republik, und die Kommunisten forderten ihre Freilassung. Die Zeitung der Kommunisten, die Rote Tribüne, wurde dann auch zwei Wochen später, mitten im Wahlkampf um die Nachfolge Eberts als Reichspräsident, für eine Woche verboten.

Schon am Tag nach der Beisetzung war im UFA-Palast, einem der großen Kinos von Elberfeld-Barmen, ein Film mit Bildern aus dem Leben von Friedrich Ebert und von den eindrucksvollen Trauerfeierlichkeiten in Berlin und Heidelberg zu sehen.

Der Höhepunkt der Feierlichkeiten in Elberfeld war die Gedenkfeier der Sozialdemokraten am Sonntag, 8. März, im Thalia-Theater. Die circa 30 Kameradschaften des „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, des republikanischen Soldatenverbandes, marschierten in Form eines Sternmarsches aus allen Stadtteilen von Barmen und Elberfeld zum Thalia-Theater. Die Trauerfeier wurde vom Thalia-Orchester mit Beethovens Trauermarsch eingeleitet.

Der Redner, Emil Quitzau, Schriftleiter der „Freien Presse“, der Ebert noch aus seiner Wuppertaler Zeit kannte, erinnerte an Eberts ersten Auftritt im Thalia-Theater im November 1911 und zitierte aus dessen damaliger Rede: „Lange genug ist das Volk Amboss gewesen, es wird Zeit, daß es Hammer wird, daß es selbst seine Geschicke in die Hand nimmt.“ (Friedrich Ebert am 26.11.1911)

„Aber vor allem blieben Herz und Charakter Eberts vollkommen rein. Immer wieder haben wir uns, und auch hier vom Wuppertale aus, davon überzeugt, mündlich und schriftlich. Und oft haben wir uns gewundert, daß trotz aller Überlastung Ebert es sich nicht nehmen ließ, in alter Freundschaft und Ehrlichkeit sein Herz auszuschütten.“ Quitzau stellte fest, dass selten ein toter Deutscher mit solch gewaltiger Anteilnahme zur letzten Ruhe geleitetet worden sei, und schloss mit den Worten: „Friedrich Ebert ist tot! Es lebe die Republik!“

Es existiert eine Ebert-Erinnerungskultur in Wuppertal. In Barmen gab es seit 1922 schon eine Fritz-Ebert-Straße – die heutige Stresemannstraße. Im Februar 1926, zum ersten Todestag von Ebert, wurde auf der Hardt ein Gedenkstein für Friedrich Ebert eingeweiht. Im September 1926 wurde auch die neu ausgebaute Straße unterhalb der Königshöhe – der heutige Schwarze Weg – nach Friedrich Ebert benannt. 1946 wurden diese Straßenbezeichnungen aufgehoben und eine der wichtigsten Straßen der Stadt, die große Verbindungsstraße auf der Talachse, die vormalige Königsstraße, in Friedrich-Ebert-Straße umbenannt.