Jerusalem. Neun Monate nach dem Ende der Kämpfe tobt der Gaza-Krieg auf der politischen Bühne weiter. Die Debatten über die blutige Offensive mit 1400 palästinensischen Toten dauern an, und Israel hat mit Langzeitschäden an mehreren Fronten zu kämpfen.
Die bilateralen Beziehungen mit dem einzigen militärischen Verbündeten in der Region, der Türkei, stehen auf der Kippe. Der Friedensprozess mit den Palästinensern und die indirekten Gespräche mit Syrien liegen auf Eis.
Vor allem fürchtet Israel jedoch zerstörerische Auswirkungen des Goldstone-Berichts über den Gaza-Krieg, der dem jüdischen Staat sowie der im Gazastreifen herrschenden Hamas Kriegsverbrechen vorwirft.
Der Bericht des südafrikanischen Menschenrechtlers Richard Goldstone, den Israel zunächst gar nicht richtig ernst genommen hatte, erweist sich inzwischen als gefährliche politische Zeitbombe.
Nach einer Kehrtwende der Palästinenserführung in Ramallah beschäftigte sich der UN-Menschenrechtsrat doch noch mit dem Bericht. Das Gremium hatte den Bericht, der in Israel als einseitig und tendenziös zurückgewiesen wird, selbst in Auftrag gegeben.
Die Palästinenser hoffen, die Sondersitzung des Menschenrechtsrats könnte der erste Schritt zu einer Anklage israelischer Politiker und Militärs vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag sein.
Israel hatte von vornherein jegliche Zusammenarbeit mit Goldstones Team zurückgewiesen und auch keine Interviews mit Einwohnern der Gebiete ermöglicht, die von militanten Palästinensern aus dem Gazastreifen ständig mit Raketen angegriffen wurden. Diese mangelnde Zusammenarbeit erwies sich rückblickend als schwerwiegender Fehler, wie auch viele israelische Kommentatoren glauben.
Inzwischen hält man es in Israel nicht mehr für ausgeschlossen, dass die damalige israelische Führung vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag angeklagt werden könnte. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu betonte während einer Ansprache im Parlament am Montag, er werde in einem solchen Fall weder Soldaten noch die damaligen politischen Entscheidungsträger ausliefern - das ehemalige Dreiergespann Ehud Olmert, Zipi Livni und Ehud Barak.