Thatcher und die bösen Deutschen

Die britische Premierministerin war eine Gegnerin der Wiedervereinigung. Ihre Berater mussten sie vom Gegenteil überzeugen.

London. So kompromisslos und unverblümt Margaret Thatchers Politikstil war, so harsch waren ihre Ansichten zu einem wiedervereinten Deutschland. Vertrauliche Dokumente des britischen Außenministeriums zeigen nun die Machtspiele, mit denen die Premierministerin die Wiedervereinigung aufhalten wollte. Selbst 20 Jahre nach der Wende bergen die Akten noch Zündstoff.

"Thatchers Ansichten mögen höchst beleidigend gewesen sein", sagt einer der Herausgeber, "aber ich fürchte, so war sie einfach: Sie nahm kein Blatt vor den Mund." Zitieren lassen will man sich nicht mit solchen Einschätzungen - zu heikel ist die Gratwanderung, auf die man das Büchlein "German Unification 1989-1990" geschickt hat.

Für das Außenministerium ist die Sammlung eine Chance, sich zum Wende-Jubiläum selber im besten Licht zu präsentieren: Immerhin haben britische Diplomaten Thatchers Anti-Haltung in einem schmerzhaften Prozess zerrieben.

Und doch: Wer liest, wie vehement sich die Regierungen Westeuropas - entgegen ihrer Beteuerungen, ein geeintes Deutschland schaffen zu wollen - dem Mauerfall entgegen gestemmt haben, dem schwant, dass die friedliche Revolution unter Thatchers Führung leicht hätte ausgebremst werden können. So kratzt das Buch auch am positiven Image der Briten.

"Toad sitzt am Steuer", rapportierte Thatchers außenpolitischer Berater Charles Powell im Februar 1990 von Bonn in die Downing Street, "Jetzt treffen die Deutschen die Entscheidung, und die anderen können nur noch mitlaufen." Jedes englische Kind kennt Toad, jene hässliche Kröte aus einem Kinderbuch, die sich an der Geschwindigkeit der Autofahrt berauscht und dabei alle in Angst und Schrecken versetzt.

Thatcher teilte die Sorge ihres Gesandten um ein neues, Drittes Reich: Der Mauerfall würden den Deutschen zu Kopf steigen; die Wiedervereinigung müsste daher so lange wie möglich hinausgezögert werden.

"Wir wissen alle zu gut, wer die beiden Weltkriege begonnen hat", bedrängte sie Michail Gorbatschow, den sie auf eine Anti-Achse mit sich und Francois Mitterand bringen wollte. Der französische Staatschef befürchtete wie sie ein Erstarken des "bösen Deutschen", der mit einem geeinten Land mehr Boden gewinnen könnte als es "Hitler jemals geschafft hat".

Das Außenministerium vertrat indessen eine ganze andere Linie. Vor allem der damalige britische Botschafter in Bonn, Sir Christopher Mallaby, versuchte, Thatchers feindselige Einschätzung zu korrigieren. Auch Staatssekretär Douglas Hurd drängte sie, ihre harte Haltung aufzugeben: "Wir dürfen nicht als Bremskraft erscheinen."

Thatcher ließ schließlich diverse Deutschlandexperten auf ihrem Landsitz Chequers zusammenkommen. Und, so skizzierte Hurd spürbar erleichtert: "Es gab die üblichen Tiraden gegen die egoistischen Deutschen, aber das Verlangen, den Einheitsprozess aufzuhalten, wird immer schwächer."

Die Botschaft der Tagung war einhellig: "Wir sollten besser nett sein zu den Deutschen." Thatcher beendete ihren Sabotagekurs - ein Sieg über ihr Bauchgefühl, das klar von Eindrücken deutscher Bomben auf ihren Heimatort Grantham geprägt wurde.

Tiefe Wunden im deutsch-britischen Verhältnis hat ihr Widerstand nicht hinterlassen. Die Reaktionen auf die Vorbehalte Thatchers klingen entspannt - zumindest auf der Insel: "Sie hat sich da, wie in vielen Dingen, geirrt", kommentiert ein Times-Leser lakonisch. Margaret Thatcher wird sich an die Zeit kaum mehr erinnern: Die 83-Jährige leidet seit Jahren an Alzheimer.