Analyse: Aufstand gegen die "Religion der Zahl"

Frankreichs Präsident Sarkozy hält den Glauben an das Wirtschaftswachstum für eine "Lebenslüge".

Düsseldorf. So sehr Union und FDP während ihrer Koalitionsverhandlungen auch um Posten feilschen, unbestritten schwebt ein Wort über dem Konferenztisch: Wirtschaftswachstum. Es soll die Medizin gegen Massenarbeitslosigkeit sein, gegen die überbordenden Schulden, gegen den Kollaps der Sozialsysteme.

Damit signalisiert die künftige Bundesregierung, dass nach der Finanzkrise vor der Finanzkrise ist. Nur keine Experimente, heißt die Botschaft, Deutschland vertraut voll und ganz dem Allheilmittel Wirtschaftswachstum. Kein Wunder, dass es zu Beginn der neuen Legislaturperiode zwar um Schulden, Geld und Steuern geht, nicht aber um die Ängste, Bedürfnisse und Befindlichkeiten der Menschen.

Dabei hatten nach dem Höhepunkt der Finanzkrise im vergangenen Herbst viele Intellektuelle gewarnt, das quantitative Wachstumsmodell sei nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Ausgerechnet der konservative französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy nahm die zivilisationskritischen Stimmen auf und zog gegen den Glauben an die Allmacht der "Religion der Zahl" vom Leder. "Nichts zerstört die Demokratie wirkungsvoller", orakelte Sarkozy kürzlich - und verblüffte mit dieser radikalen Botschaft das französische Volk.

Es sei Zeit, sich von einer "Lebenslüge" der westlichen Welt zu verabschieden und eine Wachstumsrevolution auszurufen. "Wenn wir nicht wollen, dass die Zukunft unserer Kinder durchsetzt ist von Finanz-, Wirtschafts-, Umwelt- und sozialen, letztendlich also menschlichen Katastrophen, dann müssen wir unsere Art zu leben, zu konsumieren, zu produzieren ändern."

Den statistischen Begriff Wirtschaftswachstum will der Staatspräsident nun um einen Glücksfaktor erweitern. Sarkozy ist überzeugt davon, dass die Zufriedenheit der Menschen, der Zustand von Familien, die Qualität des Öffentlichen Dienstes und der Zustand der Umwelt künftig in jede Wachstumsmessung einfließen muss.

Die öffentliche Resonanz ist in Frankreich gemischt: Die einen meinen, Sarkozy habe mit seiner Systemkritik Recht. Andere argwöhnen, angesichts trister Wirtschaftsdaten sei der Selbstdarstellungsdrang mit Sarkozy durchgegangen. Wieder andere lästern, der Staatspräsident wolle künftig den monatelangen französischen Sommerurlaub zum zentralen Produktivfaktor umdichten.