Horst Seehofer, der Watschenmann

Porträt: Nach einem erneut desolaten Wahlergebnis ist der einst laute CSU-Chef zum Leichtgewicht im Koalitionspoker geworden.

Berlin. In Bayern regieren - im Bund opponieren. Den alten Leitspruch der CSU, verordnet von Franz-Josef Strauß persönlich, hat Horst Seehofer wahrlich gut verinnerlicht. Seit der Ingolstädter vor einem Jahr mit honeckerschen Prozentzahlen an die Parteispitze gewählt wurde, verging kaum eine Woche, in der keine Brüll-Löwen-Töne aus Bayern in Richtung Berlin schallten. Adressat: Kanzleramt, zu Ohren Angela Merkel. Seehofer nutzte jede Gelegenheit, um die der absoluten Mehrheit verlustig gegangenen Christsozialen mental aufzurichten und als schlagkräftige Partei zu inszenieren, die im Zweifel keine Verwandten kennt; auch nicht die große Schwester CDU.

Dann kamen die Europa- und die Bundestagswahl. Und der körperlich die allermeisten überragende Seehofer schrumpfte und schrumpfte. Die Parteibasis zürnt ihm wegen des historisch schlechten Ergebnisses von 42,5 Prozent. Hinterbänkler führen öffentlich Klage über seinen zum Grobianischen neigenden Führungsstil. Der CSU-Ortsvorsitzende im mittelfränkischen Wieseth, Kurt Taubmann, fordert ihn per Zeitungs-Interview zum Rücktritt auf. Partei-Altvordere wie die Herren Waigel, Beckstein und Huber delektieren sich in Pressegesprächen bajuwarisch dezent an Pannenheld Seehofer.

Mitten in den Berliner Koalitionsverhandlungen, die so seltsam auf der Stelle treten, hat Horst Seehofer fast jene Statur erreicht, die sein Vorbild Strauß einmal maliziös mit dem Bild des "politischen Pygmäen" kennzeichnete. Auch darum (und weil ihn eine Grippe niedergestreckt hat) hört man in diesen Tagen so wenig von einem Politik-Süchtigen, der von sich selbst behauptet: "Das, was bei mir als Querulantentum, Streitsucht und Egoismus eingestuft wird, ist meine Überzeugung von Politikstil."

Die unfreiwillige Beißhemmung des 60-Jährigen, der für gewöhnlich Machtfragen anzieht wie ein Magnet die Metallspäne, kommt vor allem Kanzlerin Angela Merkel zupass. Hinreichend damit beschäftigt, die FDP still und leise programmatisch zurechtzustutzen, ist ein intern schwer angeschlagener und darum kleinlauter CSU-Chef für die Vorsitzende der CDU ein willkommenes Geschenk.

Fein registriert hat den Machtverfall auch einer, auf dem mittelfristig die Hoffnungen der CSU ruhen: Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Bayerischer Ministerpräsident kann der 37-Jährige (noch) nicht werden. Die Landesverfassung schreibt dafür das Mindestalter 40 vor. Aber der nicht auszuschließende Versuch Seehofers, seine noch immer beliebte Nachwuchshoffnung auf den zum Kürzen verurteilten Posten des Finanzministers wegzuloben, dürfte so einfach nicht werden. Chefs mit ausufernden Autoritätsproblemen werden nirgends ernst genommen - auch nicht in der CSU.

Allerdings ist Horst Seehofer mit dem politischen Achterbahnfahren so vertraut wie wenige. Schon zweimal war er so gut wie abgeschrieben: einmal nach seiner schweren Herzmuskelerkrankung im Jahr 2002. Und dann zwei Jahre später nach seinem Rücktritt als stellvertretender Unionsfraktionschef im Streit um die Gesundheitsreform. Selbst eine uneheliche Vaterschaft konnte den dreifachen Familienvater nicht stoppen. Immer kam er wieder zurück. Diesmal auch?