Ilja Richter begeistert doppelt
Theater: Der Schauspieler überzeugt in „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ gleich in zwei Rollen.
Lobberich. Um die wunderbare Freundschaft zwischen einem alten Muslim und einem jungen Juden darzustellen, braucht es nur einen Schauspieler: Ilja Richter - der selbst ein Jude ist. Der 55-Jährige mimte am Sonntagabend in der Werner-Jaeger-Halle sowohl den vernachlässigten Jungen Moses als auch den weisen Monsieur Ibrahim, der in seinem Pariser Tante-Emma-Laden sitzt und Moses nach und nach die Welt erklärt.
Paul Bäckers Inszenierung von Eric-Emmanuel Schmitts "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" kommt mit sparsamer Requisite aus. Ein Stuhl, eine Theke und bemalte Vorhänge bilden den Rahmen für die verschiedenen Orte der Handlung, und das sind nicht wenige: Monsieur Ibrahim und sein Schützling, den er liebevoll "Momo" nennt, verlassen ihre Heimat in der Rue Bleue und gehen auf Reisen: in die Normandie, durch die Schweiz, Griechenland und Albanien bis in Ibrahims türkische Heimat.
Für Moses ist es eine Reise, die ihn mit sich selbst, seiner Kindheit und Gott versöhnt; für Ibrahim dagegen führt sie in den Tod. Doch obwohl es um große und ernste Themen geht, wirkt das Stück nie trübsinnig. Wo in der Romanvorlage feine Ironie die Tragik der Handlung mildert, sorgen Ilja Richters Dialoge zwischen Moses und Ibrahim für Lacher im Publikum.
Von Satz zu Satz wechselt er die Rolle, stellt die gelassene Weisheit des Alten ebenso überzeugend dar wie den wütenden Zynismus des frühreifen Jungen. Als Moses erfährt, dass sein Vater (Thomas Henninger von Wallersbrunn) sich in Marseille vor einen Zug geworfen hat, ist sein erster Gedanke: Warum fährt man dafür bis nach Marseille?
Nach und nach gelingt es Monsieur Ibrahim, dem trotzigen Jungen seine Weltsicht nahe zu bringen. In jeder Lebenslage auf seinen Koran vertrauend, ohne auch nur im Entferntesten einem religiösen Fanatiker zu ähneln, vermittelt er ihm kleine und große Weisheiten. Etwa: "Wenn deine Schuhe drücken, wechsle sie. Füße kann man nicht wechseln." Oder: "Wenn du Freunde finden willst: Nicht so viel zappeln!"
In Istanbul schließlich lernt Moses, zu tanzen wie ein Derwisch und dabei die Wut auf seine Eltern zu vergessen - so dass es zu einer vorsichtigen Versöhnung mit der Mutter (Antje Mönning) kommt, die vor Jahrzehnten die Familie verlassen hat. Als Moses die Nachfolge des "weisen Arabers" in der Rue Bleue antritt, gibt es applaudieren die 400 Zuschauer stehend.