„Eine Eier legende Wollmilchsau“ sei das Schloss Neersen, fasst Stadtarchivar Udo Holzenthal augenzwinkernd am Ende seiner unterhaltsamen Führung durch das Kleinod am Niederrhein zusammen. Zwölf gute Gründe gebe es, das Schloss Neersen gut zu finden. Und gut 70 Menschen, die zu der Führung zur Geschichte des Schlosses gekommen sind, hören aufmerksam zu. Ein Baudenkmal, ein Rathaus, Stadtverwaltung, ein Konzertsaal, aus dem früher Konzerte vom Westdeutschen Rundfunk übertragen wurden, seit den 1980er-Jahren eine Galerie, ein Kabarett („und damit meine ich nicht die Stadtverwaltung“), Traustätte, historische Parkanlage, Skulpturenpark, Spielplatz, Umweltstation und schließlich eine Gastronomie – das alles mache die Qualität des Schlosses aus. Dass in einem der Räume ein von einem Designer entwickelter venezianischer Leuchter prachtvoll Licht spendet, hätte er durchaus noch als Punkt 13 erwähnen können.
Mit den Worten „Eigentlich ging nur der Graf durch dieses Portal, aber weil Sie es sind, tun wir das auch“, geht es in das Innere des Schlosses. Mit dem Grafen ist der Graf Virmond gemeint, der die Wasserburg im 17. Jahrhundert umbaute. Vor dem Modell der mittelalterlichen Wasserburg macht Holzenthal darauf aufmerksam, dass die Gäste, wären sie vor 20 000 Jahren hier gewesen, nasse Füße bekommen hätten, weil sie im Fluss gestanden hätten. Ein paar Hundert Jahre später machte Virmond aus der Burg ein Schloss – ohne Abriss und Neubau, sondern durch eine kluge Erweiterung der Burganlage und eine Modernisierung. Holzenthal macht neugierig: Rund ums Schloss könne man alte architektonische Elemente entdecken, diese sind wie eine Zeichnung in die Pflasterung eingelassen.
Der Bürgermeister erklärt
die Mikrofone im Ratssaal
Im großen Ratssaal nehmen die Gäste Platz und treffen auf Bürgermeister Christian Pakusch (CDU), der in Sportmontur unterwegs zum Halbmarathon in Venlo ist und kurz an seinem Arbeitsplatz Halt macht. Er erklärt die Mikrofone, die auf jedem Tisch stehen. Seins, erklärt er lachend, sei das Master-Mikro. Damit könne er nicht nur sprechen, damit könne er alle anderen Mikros abschalten. Sprach’s, wünscht eine gute Führung und verabschiedet sich in Richtung Marathonlauf – nicht ohne die Gäste einzuladen, sich gerne in seinem Büro umzusehen.
Im Ratssaal trifft man auf eine gelungene Kombination zwischen der Rekonstruktion des Alten in Form der Fenster und des eindeutig Neuen in der Deckengestaltung. Eine sogenannte Kölner Decke aus Beton wurde eingezogen, deren Nischen zu der außergewöhnlich guten Akustik führet, Basis der Konzertübertragungen durch den WDR. Dort begegnen die Gäste auch der Ahnengalerie der Virmonds. 1744 starb die männliche Linie aus. Die Witwe nahm die Bilder der Ahnen mit sich und verstaute sie auf einem Speicher. 1985 wurden sie auf Burg Herrnstein an der Sieg wiederentdeckt, restauriert und seitdem präsentiert.
Jedem Schloss seine Geistergeschichte, die im Fall von Schloss Neersen eine tragische ist. Prinz Ludwig spielte Verstecken in einer Truhe, aus der er nicht herausfand und erstickte. Danach glaubten die Bewohner, im Schloss spuke es. Eine Truhe steht im Treppenhaus – aber sie ist jüngeren Herstellungsdatums.
Seit 2005 können sich Paare in Schloss Neersen trauen lassen – ein heißbegehrter Ort für Menschen aus Nordrhein-Westfalen. Ein Jahr im Voraus sollte man versuchen, einen Termin zu bekommen, erklärt Holzenthal.
Eine ungute Etappe in der Geschichte ist die Idee des Gladbacher Fabrikanten Felix Hüsgen, der das Gebäude 1852 pachtete und eine Wattefabrik und Baumwollweberei dort einrichtete. Dazu gehörte eine Dampfmaschine, die Ende März vor genau 166 Jahren explodierte, woraufhin das Schloss abbrannte. Tags darauf plünderten die Neersener das, was noch übrig war. Der Fabrikant Klemme baute das Schloss wieder auf. 1928 wurde ein Viersener Industrieller Eigentümer. Nach dem Zweiten Weltkrieg und bis 1962 befand sich im Schloss ein Erholungsheim für Kinder aus ganz Deutschland. Das Deutsche Rote Kreuz nutzte es als Landesschule für Entwicklungshelfer. 1973 wurde es an die Stadt Willich verkauft.