Karneval Jecke lassen sich nicht einschüchtern

Köln · Im Hauptbahnhof ist es morgens kurz nach 7 Uhr noch ziemlich ruhig und entspannt. Nur einzelne Piratinnen, Kapitäne und ein Hai sind zu dieser frühen Stunde im Schatten des Doms unterwegs. Das ändert sich gegen 7.30 Uhr, als immer mehr Teilnehmer für den Bellejeckzug auf dem Bahnhofsvorplatz eintreffen.

An Weiberfastnacht gab es in Köln viele bunte und kreative Kostüme zu bewundern.

Foto: step/Eppinger

Es ist der erste Kölner Umzug zum Beginn des Straßenkarnevals. Vor dem Hauptbahnhof und in der gesamten Altstadt zeigt die Polizei deutlich Präsenz mit vielen Einsatzfahrzeugen und Beamten. Insgesamt ist an diesem Tag etwas weniger los in Köln, was sich in der Altstadt genauso bemerkbar macht wie im Veedel rund um die Zülpicher Straße.

Seit 2009 pflegt die Große Allgemeine die Bellejeck-Tradition, die auf den mittelalterlichen Hofnarr zurückgeht. Knapp 300 Teilnehmer aus verschiedenen Karnevalsgesellschaften sowie die Plaggeköpp ziehen mit dem neuen Bellejeck Dirk Gemünd beim „Wecken der Jecken“ vom Hauptbahnhof zur Hofburg des Dreigestirns am Heumarkt.

Kurz vor 4 Uhr ist Gemünd bereits aufgestanden. „Ich wollte ganz langsam in den Tag kommen. Die Vorfreude ist riesengroß. Natürlich hat man auch die Sorgen im Hinterkopf. Wir dürfen uns aber diese Tage jetzt nicht vermiesen lassen. Die Session war bislang wunderbar. Ich habe viele neue Menschen kennengelernt, darunter auch mein Mainzer Pedant, den Till, der tritt sogar in der Fernsehsitzung auf.“

Ein Traum ist für Britt und Markus aus Würzburg in Erfüllung gegangen: „Seit 20 Jahren planen wir den Besuch zu Karneval in Köln, jetzt hat es endlich funktioniert. Wir sind schon seit Tagen aufgeregt, die Vorfreude war groß“, berichten die jecken Bienen, bevor es weiter in Richtung Alter Markt geht. Eine kürzere Anfahrt hatten Helga, Petra, Silvia und Klaus aus Bergisch Gladbach. „Die Gedanken an mögliche Gefahren haben wir für heute verdrängt. Wir kommen von klein auf nach Köln und lassen uns das jetzt nicht verderben. Wir werden achtsam unterwegs sein und auf unser Umfeld achten. Man darf sich aber auch nicht verrückt machen lassen. Die Sicherheitsvorkehrungen hier sind gut“, sagt Helga.

Aus dem hessischen Odenwald sind die vier Leprechauns als irische Glücksbringer angereist. „Wir kommen seit elf Jahren zum Feiern nach Köln und lieben hier die Stimmung und die Atmosphäre. Das lassen wir uns auch nicht vermiesen. Die Polizei ist hier sehr präsent, daher fühlen wir uns wie immer sicher in der Stadt“, sagt Anja, die mit ihren Freundinnen Peters Brauhaus ansteuert.

Während sich die Altstadt so eher langsam füllt, ziehen in der Piazzetta des Historischen Rathauses die Blauen Funken auf und begeistern ihr bunt kostümiertes Publikum. Als Bienchen sind die Mitglieder der FDP-Fraktion unterwegs: „Karneval ist eine schöne Abwechslung von den Sorgen, die man hat. Wir haben einen anstrengenden Wahlkampf hinter uns, jetzt wollen wir ordentlich feiern“, sagt Ralph Sterck.

SPD-Bürgermeister Ralf Heinen ist in der Uniform der Altstädter zum Empfang gekommen: „Man spürt sehr, dass die Leute feiern und zusammen lachen wollen. Ich kann verstehen, wenn Menschen im Moment verängstigt sind, aber man sollte sich unser Kulturgut nicht durch Angst zerstören lassen.“ Der grüne Bürgermeister Andreas Wolter hat den Geisha-Look als Kostüm gewählt: „Die Leute wollen feiern und so ihre Alltagssorgen loslassen. Die Drohungen sollen uns nur Angst machen, das gab es auch schon beim CSD. Wir lassen uns aber die Freude nicht nehmen.“

Beim Empfang des Dreigestirns findet OB Henriette Reker im Hansasaal klare Worte: „Es wird niemand gelingen, uns Kölner einzuschüchtern. Wir genießen die fünfte Jahreszeit und lassen uns unser Lebensgefühl nicht von Terroristen und Islamisten nehmen. Jetzt ist die Zeit gekommen, bei all den Verunsicherungen der Gegenwart unsere Träume zum Blühen zu bringen. Das setzt aber auch Arbeit, Fleiß und Geduld voraus. Die Kölner Stadtgeschichte ist voll von realisierten Träumen.“

Ihren Traum leben gerade Prinz, Bauer und Jungfrau: „Jetzt zu Beginn des Straßenkarnevals ist es ein unglaublich glückliches Gefühl. Wir haben eine fantastische Session erlebt, durch die uns die Leute getragen haben. Die Jecken waren auch offen für unsere Themen. Die Stimmung ist toll, das haben wir gerade schon auf dem Wilhelmsplatz in Nippes erlebt“, sagt Prinz René. „Wir sind sehr gespannt auf das, was jetzt auf uns zukommt. Wir werden diese Zeit sehr genießen und sind in freudiger Erwartung“, ergänzt Bauer Michael, bevor es für das Dreigestirn zur Bühne der Altstädter auf dem Alter Markt geht, wo um 11.11 Uhr mit dem jecken Countdown und pünktlichen einsetzenden Sonnenschein der Straßenkarneval offiziell eröffnet wird.