Ausstellung Sexualisierter Gewalt: Künstlerin erzählt in Wuppertal ihre Geschichte

Wuppertal · Im Alter zwischen drei und zwölf Jahren wurde die Künstlerin Barbara Tamminga von einem Pfarrer missbraucht – nun erzählt sie anhand von Bildern und Collagen ihre Geschichte.

Künstlerin Barbara Tamminga verarbeitet in der Ausstellung auch eigene Erfahrungen.

Foto: Andreas Fischer

Mit 14 Jahren floh die Künstlerin Barbara Tamminga aus ihrer Heimatstadt Oldenburg und vor ihrer Vergangenheit. Im Alter zwischen drei und zwölf Jahren wurde sie von einem Oldenburger Pfarrer missbraucht – nun erzählt sie anhand von Bildern und Collagen in der Citykirche in Elberfeld ihre Geschichte.

In ihrer Jugend lebte sie in Wohngemeinschaften, reiste durch verschiedene Länder und suchte ein neues Zuhause, das ihr durch die Gewalterfahrungen im frühen Kindesalter genommen wurde. Die Beziehung zu ihren Eltern und ihrer Zwillingsschwester wurde durch deren „stummes Dulden“ der Situation zerstört. Doch erst als die Künstlerin mit 44 Jahren durch Komplikationen nach einer Blinddarmentzündung eine Nahtod-Erfahrung erlitt, kamen die Erfahrungen aus ihrer Kindheit bruchstückhaft wieder hoch. „Ich lag im Krankenhaus und sah plötzlich wieder den Pfarrer an meinem Bett stehen. Ab diesem Zeitpunkt begann die schlimmste Zeit meines Lebens“, erzählt die heute 61-Jährige. Bei den aufkommenden „Gefühls-Tsunamis“ gaben ihr vor allem ihr Ehemann, ihr Therapeut und auch das Tanzen und Malen Halt. „Das Tanzen war und ist mein Ventil“, sagt sie. Ihre Vergangenheit gänzlich hinter sich zu lassen, hätte sie nicht geschafft, da der Pfarrer auch Kontakt zu ihrer Tochter hätte knüpfen wollen, als diese geboren war.

2022 kehrte sie zum Ursprung der Gewalterfahrung zurück und wandte sich an die Kirche in Oldenburg. „Mein größter Wunsch war es, ernst genommen und gehört zu werden. Ich wollte in den Dialog treten.“ Streiten, zuhören, vertragen, Lösungen finden – was sich ohnehin jeder Mensch zu Herzen nehmen sollte, wünschte sich auch Barbara Tamminga. Stattdessen sei mit Überforderung und Zurückhaltung reagiert worden – niemand hätte sich wirklich zuständig gefühlt. „Als Entschädigung bekam ich 8000 Euro und mir wurde gesagt, das muss reichen“, erzählt sie, dabei wäre ihr vor allem der Austausch wichtig gewesen.

Lia Solomon macht sich ein Bild von der Ausstellung zu sexualisierter Gewalt in der Citykirche.

Foto: Andreas Fischer

Mit ihrer Ausstellung will sie das Thema an die Oberfläche holen und Menschen, die Vergleichbares erlebt haben, ermutigen: „Wir müssen raus der Lähmung und anfangen zu reden. Ich möchte am Ende meines Lebens nicht gesagt haben, dass ich nichts dafür getan hätte.“ Ihre Bilder sollen deswegen nicht nur ihr vergangenes Leid einfangen, sondern auch Positives und Hoffnung in Form von Blumen, dem Paradiesvogel und bunten Farben. „Mein Wesen ist optimistisch. Die Kirchenfenster, das Licht, das durch sie hindurch fällt, die Engel – es gab immer positive Dinge, an denen ich mich festgehalten habe“, sagt sie.

Superintendentin Ilka Federschmidt spricht sich ebenfalls für Aufklärung und Aufarbeitung aus: „Unsere Kirche ist verpflichtet, alles zu tun, um Gewalt und Missbrauch in Gemeinden und Diakonie zu verhindern.“ So werden zum Beispiel obligatorische Schulungen zur Gewaltprävention angeboten, auch wenn Tamminga der Meinung ist, dass so etwas nicht ausreiche. „Es muss noch viel mehr passieren. Wirkliche Täter agieren bewusst, geplant und manipulativ. Die rutschen diese Schulungen, drastisch formuliert, auf der linken A…backe ab.“ Auch wenn die meisten Leute von solchen Themen nichts hören wollten, seien durch die Ausstellung bereits ein paar Frauen zu ihr gekommen und hätten ihr ihre Geschichte anvertraut. Es gebe so vielfältige Gewalterfahrungen – „und die Zahlen steigen“, warnt Barbara Tamminga. Gerade jetzt müsse man hingucken und sich trauen. Die Lösung sei immer der Dialog.

Ausstellung läuft bis zum Karfreitag

Ab dem 11. April hängt sie einen Teil ihrer Bilder ab, damit Betroffenen eine Fläche geboten wird, um ihre eigene Geschichte oder Gedanken auf Papier zu bringen und an die aufgestellten Fischernetze zu hängen. Für Gespräche sei sie jederzeit verfügbar. Die Ausstellung kann zu den Öffnungszeiten des Weltcafés der City Kirche, montags bis samstags von 10 bis 17 Uhr, besucht werden. Am Karfreitag, 18. April, um 18.30 Uhr endet sie mit einem Gottesdienst, Live-Musik und der Möglichkeit zu Gesprächen. Ihre nächsten Projekte wolle die Künstlerin noch bunter und mit leuchtenden Farben, die auch in der Nacht leuchten, gestalten und damit unterstreichen: „Ich habe meine Stimme wiedergefunden.“