„Kriegsspiele“ im Düsseldorf Unterhaus Ballern als Hobby
Düsseldorf · Mit einer Theaterperformance bindet das Stadtkollektiv im Schauspielhaus das Publikum ein. Thema ist das Spannungsfeld zwischen der Sehnsucht nach Frieden und der Faszination für Waffen.
Gespannte Erwartung im Foyer des Schauspielhauses. Rund 50 Menschen sind zur Premiere von „Kriegsspiele“ gekommen. Die folgenden rund eineinhalb Stunden werden sie in kleinen Gruppen in die Kellergewölbe des Gebäudes hinabsteigen, Kopfhörer tragen und sich auf ein Thema einlassen, das in diesen Tagen aktueller denn je geworden ist: die Faszination mancher Menschen für Waffen und Kriegsspiele einerseits, der Wunsch nach Frieden andererseits.
Das Besondere an der Inszenierung des Stadtkollektivs ist die Arbeit mit Laien, deren Geschichten an einzelnen Stationen erzählt und szenisch umgesetzt werden. Außerdem gibt es die ihnen gegenübergestellten einordnenden Perspektiven von Wissenschaftlern, Politikern und Friedensaktivisten.
Doch bevor die Teilnehmer die Akteure kennenlernen, hören sie Fragen wie diese: „Ist die menschliche Natur eine friedfertige oder eine kriegerische? Kann man jemanden zum Frieden zwingen? Wie verändert der Umgang mit Waffen Menschen?“ Keine leichte Aufgabe, darauf Antworten zu finden. Am Ende des Parcours werden sie noch einmal gestellt werden. Gut möglich, dass der eine oder die andere sie dann anders beantworten wird.
Das Publikum trifft bei seiner Tour durch die Unterwelt unter anderem auf die Zwillinge Jad und Adam. Obwohl sie den Krieg in Syrien hautnah miterlebt haben, sind sie leidenschaftliche Gamer von Ego-Shooter-Spielen wie „Call of Duty“. Sie sagen, sie könnten durchaus unterscheiden, was echt ist und was nicht, behaupten sogar, sich beim Kriegsspiel am PC entspannen zu können. Schwer vorstellbar, wenn man bedenkt, dass sie vor ihrer Flucht aus Damaskus miterleben mussten, wie Familienmitglieder und Freunde erschossen wurden.
Sportschützen, Waffensammler und Rollenspieler geben Einblicke
Zwei Jahre lang haben Regisseur Gernot Grünewald und Dramaturg Lasse Scheiba für das Stück recherchiert und unzählige Interviews geführt, um das Spannungsfeld zwischen der Sehnsucht nach Frieden und der Lust an Kriegsspielen und einer Faszination für Waffen auszuloten. Gefunden haben sie Drohnenpiloten, Gamer, Sportschützen, Waffensammler und Rollenspieler, die dem Publikum einen Einblick geben, warum sie sich gerade für dieses Hobby entschieden haben. Für den Sportschützen Mirkan bedeutet der Umgang mit einer Waffe, dass er auch mit einer Behinderung am Wettkampf teilhaben kann. Für Finn, der ein großer Fan von „Dungeons & Dragons“ ist, erlaubt das Fantasy-Rollenspiel, Strategien und kreative Lösungen zu finden, ohne gleich den Weg der Gewalt gehen zu müssen.
Damit ist Finns Spielvariante der Gegenentwurf zur Ego-Shooter-Fraktion. Nach dem kleinen Ausflug in die Welt der Fantasy holen die nächsten beiden Stationen das Publikum wieder in die Realität zurück. Etwa wenn Bülent erzählt, wie er sich mit den Aufgaben eines Drohnenpiloten vertraut gemacht hat und nun hobbymäßig Krieg spielt. Seinen Erklärungen stehen die Aussagen eines Experten gegenüber. Moderne Kriegsführung, die Bombardierungen per Joystick ausführt, führe bei den Soldaten überdurchschnittlich oft zu posttraumatischen Belastungsstörungen, sagt er. Denn anders als ihre Kameraden im Feld hätten sie durch die Drohnen einen sehr genauen Überblick über die angerichteten Zerstörungen.
Und dann stehen die Teilnehmenden einem Soldaten in voller Montur gegenüber. Schwer bewaffnet bedeutet er ihnen, leise zu sein und ihm durch die dunklen Gänge zu folgen. Dicht gedrängt finden sie sich bald im Notausstiegsschacht des Schauspielhauses wieder. Das ist wohl der beklemmendste Moment der Inszenierung. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie es wohl ist, wenn es sich nicht um ein Spiel handelt. Doch zum Nachdenken ist gar keine Zeit, denn schon geht’s weiter zu Visnja, die versucht, ihre Begeisterung für das Schießen mit Gummigeschossen zu vermitteln, indem sie den Zuschauern einfach mal ihre Plastikwaffe in die Hand drückt.
„Kriegsspiele“ ist ein Stück, das die Ambivalenz in der Definition von dem, was Krieg und was Frieden ausmacht, verdeutlicht. Es fordert heraus, andere Perspektiven einzunehmen, die eigene Sichtweise zu hinterfragen und in den Dialog zu gehen.