Der Zug ist pünktlich. Nein, nicht der ICE der Deutschen Bahn aus München. Die Rede ist vom italienischen Schnellzug Frecciarossa, der seine Passagiere flott nach Santa Lucia bringt, der vielleicht erstaunlichsten Endstation der Welt: Wie in einem Theater mit schönster Kulissenschieberei fühlt sich, wer das Bahnhofsgebäude verlässt und unmittelbar am Canal Grande steht, mit staunendem Blick und sogleich mitten hineingezogen ins lebhafte, geschäftige Treiben Venedigs: Gondeln, Wassertaxis und ein schwimmender Bus nach dem anderen befördern meist wenige Einheimische und sehr, sehr viele Touristen in Richtung Rialto-Markt, Markusplatz, Dogenpalast und Seufzerbrücke. An einem frischen März-Wochenende aber ist das ein bisschen anders in der Lagunenstadt. Besser und ruhiger, sagen Venedig-Fans, die das kühle Frühjahr oder sogar den venezianischen Winter als Reisezeit bevorzugen.
Bei Regen weniger Tagestouristen - und tolles Licht
Mit Postkartenmotiven von schneebedeckten Palästen in zartem Pastell, die das Bild einer verträumten Stadtlandschaft zeichnen. Natürlich ist Venedig niemals leer, auch nicht im Winter. Aber in der Zeit zwischen November und Anfang April, ohne Biennale, ohne Karneval oder Filmfest, merkt auch der Besucher, dass alle ein wenig aufatmen. Die Schlangen vor den Sehenswürdigkeiten sind kürzer bis nicht existent, der Platz im Restaurant wie im Vaporetto ist schnell gefunden, und Besuche in einer der rund 90 Kirchen fallen ruhiger und eindrücklicher aus. Das gilt umso mehr an Regentagen wie zuletzt Ende März, als im Grunde das ganze Wochenende über die Tropfen leichten Dauer-Niesels auf Plätze und Kanäle fielen und viele Tagesbesucher auf einen Ausflug ins historische Zentrum verzichteten. Obwohl das Farbenspiel dann besonders beeindruckend und der Himmel über der Lagune so schön weit ist. Noch entspannter fällt ein Besuch der Stadt aus, wenn man nicht das Centro Storico für die Unterkunft wählt, sondern auf dem Lido, der berühmten vorgelagerten Insel, übernachtet. Zu ihm geht es per Vaporetto in weniger als einer Viertelstunde, und dort gibt es einen Eindruck davon, wie Venedig für seine Einwohner abseits des touristischen Dauer-Ausnahmezustands funktioniert – als ganz normale Stadt nämlich: mit Schwätzchen beim Nachbarn und morgendlichem Cappuccino, beim Friseur ums Eck, im kleinen Supermarkt oder in familiärer Runde am abendlichen Restaurant-Tisch. Wenige Schritte sind es bis zum langen Strand, der im frühen Frühjahr noch schön und leer ist. So, wie die berühmteste Ruine des Lidos, das Grand Hotel des Bains, in dem schon Thomas Mann wohnte, und das ihn zu einem seiner bekanntesten Werke inspirierte: „Der Tod in Venedig“. Seit fast 15 Jahren steht der riesige Komplex aus dem Jahr 1900 verlassen da und verfällt zusehends. Die großen, verriegelten Fenster und Eingänge wirken abweisend und faszinierend zugleich - zu gern würde man eine Zeitreise in die 1920er Jahre unternehmen und dem gepflegten Nichtstun der Reichen und Schönen zuschauen.
Die werden sich spätestens zu den Filmfestspielen im nur wenige hundert Meter entfernten Kinogebäude wieder zahlreich einfinden. Doch bis Ende August ist es – vielleicht zum Glück – noch lang hin.