Als erster Europäer überhaupt soll Kohl mit einem europäischen Staatsakt im Europaparlament in Straßburg gewürdigt werden, bevor er über den Rhein gen Speyer geleitet wird.
Man darf das für eine gute Idee halten. Vor allem weil es der EU, die seit Jahrzehnten und immer aufgeforderter um Anerkennung, politische Legitimation und gegen die Überhöhung der in ihr versammelten Nationalstaaten kämpft, gut zu Gesicht stünde, könnte sie endlich identitätsstiftende Persönlichkeiten für sich reklamieren. Es mag Erklärung aber eben auch Ausdruck für die fehlende Akzeptanz des Bündnisses sein, dass ihr solche Gesichter bislang fehlen. Geschichte stiftet Gemeinsamkeit — und braucht Anker. Kohl wäre dafür ein guter Anfang. Weil der Pfälzer einst begriffen hat, dass die deutsche Einheit langfristig nur in einer starken europäischen Union aufgehen kann. Das mag seinerzeit ein pragmatischer Ansatz gewesen sein, ging aber glaubwürdig darüber hinaus: Wie Kohl hat kaum ein anderer die europäische Partnerschaft auch zwischen Staatenchefs gelebt. Man wünschte sich solche berechenbaren persönlichen Bindungen heute — mehr denn je.
Umso tragischer ist das, was offenbar zwischenmenschlich im Privaten auf der Strecke geblieben ist. Das Große ins Kleine zu übertragen, scheint Kohl eben nie gelungen zu sein. Auch das bleibt haften von diesem Kanzler, der ein Beispiel gelebt hat, wie weit Politik einerseits mit Überzeugung und andererseits mit Inszenierung zu tun hat.