Rupert-Neudeck-Gesamtschule Tönisvorst Schüler diskutieren mit Seenotrettern

Tönisvorst · Christel Neudeck und Charlotte Weiß von der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye gaben Einblicke in ihre Arbeit.

Zur Einleitung der Diskussion mit Christel Neudeck (oben rechts) und Charlotte Weiß (oben links) sprach Morderatorin Angela Krumpen mit den Lehrerinnen Sarah Vujnovac (links) und Ulrike Elsing (rechts).

Foto: Norbert Prümen

Genau 315 aus Papier gefaltete Boote säumten die Bühne im Forum Corneliusfeld. Jedes dieser Boote stand für 100 Menschen, die seit dem Jahr 2014 auf ihrer Flucht im Mittelmeer ertrunken sind. Genau 31.507 Menschen seien es bis zum 28. Februar gewesen, präzisierte Moderatorin Angela Krumpen. Dass genaue Angaben wichtig sind, hatte zuvor schon Christel Neudeck betont – denn hinter jeder Zahl stecke ein Menschenleben. Ihr 2016 verstorbener Mann Rupert Neudeck und die vom Ehepaar Neudeck gegründete Hilfsorganisation hatten mit dem gleichnamigen Schiff „Cap Anamur“ in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren im südchinesischen Meer genau 11.300 „Boat People“ gerettet, Vietnamesen, die vor Krieg und Vietkong geflohen waren. Auf Einladung der Rupert-Neudeck-Gesamtschule Tönisvorst diskutierten Christel Neudeck und Charlotte Weiß von der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye am Mittwoch zum Thema „SOS. Rettung aus Seenot“.

Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 10, 11 und 12 nutzten die Gelegenheit, viele Fragen zu stellen, um mehr darüber zu erfahren, wie sich die Arbeit der Hilfsorganisationen in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Seit Wochen hatten sie sich auf die Veranstaltung vorbereitet und sich intensiv mit Seenotrettung im südchinesischen Meer Ende der 1970er/1980er und mit ziviler Seenotrettung im Mittelmeer heute beschäftigt. „Unser Schulname ist Programm. Wir haben uns ,m³, menschlich – mutig – miteinander‘ als Schulmotto auf die Fahnen geschrieben“, so Schulleiter Andreas Kaiser, der die Idee zu der Veranstaltung hatte. „Wir wollen unsere älteren Schülerinnen und Schülern für Menschen in Seenot heute sensibilisieren und gemeinsam überlegen, was das für unser Leben bedeutet.“

Schüler aus Religionskurs trugen kurze Flucht-Geschichten vor

Denn auch die Rupert-Neudeck-Gesamtschule besuchen viele Schüler mit Fluchthintergrund aus mehr als 20 Ländern. Welche Herausforderungen das mit sich bringt, erläuterten die Lehrerinnen Sarah Vujnovac und Ulrike Elsing. An den möglichen Traumata der Kinder und Jugendlichen werde nicht gerührt, aber manchmal, oft ganz spontan „und weil der Moment einfach da ist“, erzählten die Geflüchteten von ihren furchtbaren Erlebnissen, beispielsweise davon, wie sie ihr Dorf haben verteidigen und sogar Menschen töten müssen, so Elsing.

Schüler aus einem Religionskurs trugen kurze Flucht-Geschichten vor, die sie aus echten und ausgedachten Sätzen erstellt hatten. Vor diesem Hintergrund brandete lauter Applaus auf, als schließlich Christel Neudeck und Charlotte Weiß die Bühne betraten. Bis kurz vor Ende der zweistündigen Veranstaltung hörten die Jugendlichen gebannt zu und stellten viele Fragen.

Die junge Ärztin Charlotte Weiß, die sich seit 2018 für Sea-Eye engagiert, schilderte, dass viele der Menschen, die flüchten und sich auf ein Schlauchboot begeben, ohnehin schon gesundheitlich angeschlagen seien. Dennoch nähmen sie es auf sich Wind, Wasser, Benzin und Körperflüssigkeiten ausgesetzt zu sein, ihr Leben zu riskieren. Ja, Seenotretter würden – zunehmend – oft angefeindet und gar kriminalisiert. Doch wenn sie die Grundsatzfrage stelle, ob man einem Menschen helfen solle, der in Lebensgefahr sei, antworteten 99 Prozent der Menschen: Ja, natürlich! Und genau um diese Frage gehe es bei der Seenotrettung.

Christel Neudeck betonte, dass es mit der Rettung vor dem Ertrinken nicht getan sei. Sie und ihr Mann hätten damals einen Flüchtling bei sich zu Hause aufgenommen und ihm klar gemacht, dass er lernen und arbeiten müsse. „Heute ist er Elektroniker und repariert Solaranlagen.“ Wichtig sei es aber, dass Flüchtlinge auch die rechtliche Möglichkeit hätten, zu lernen und zu arbeiten, dafür zu sorgen, sei Aufgabe der Politik. Gefragt nach ihrem Traum, sagte Christel Neudeck: „Ihr müsst dafür sorgen, dass wir eine Regenbogengesellschaft werden und Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden, sondern nach ihrem Charakter. Seid mutig und setzt euch ein!“

(msc naf)