Snap spielt, bis die Polizei kommt
Beim Auftritt des Duos Snap tanzen und feiern die Fans im Bösinger Hof.
Bösinghoven. Die Jersey Girlz heizen die Atmosphäre im Route 66 nach Kräften auf. Die vier jungen Frauen tanzen lasziv auf dem Tresen und beziehen vor allem ausgelassene, ihren Anstand verlierende Damen in ihre Nummer mit ein, so dass die Herren im Hintergrund zu Hause noch viel zu erzählen haben werden. Die Stimmung ist prächtig, obwohl zum Club-Gastspiel der ehemaligen Chart-Stürmer Snap statt der erhofften 200 nur gut 80 Fans erschienen sind.
Um 22 Uhr soll es losgehen, doch es gibt Probleme mit der Technik. Die werden schließlich gelöst, und so kann sich Rico Sparks an die Arbeit machen. Er ist die Band, ein guter DJ braucht keine Instrumente.
Ein echo-verzerrter Trommelwirbel kündigt die Protagonisten des Abends an: Rapper Turbo B, der eigentlich Maurice Butler heißt, betritt die zur Bühne umfunktionierte Empore im Laden, im Schlepptau Sängerin Michelle, deren zarte Erscheinung so gar nicht mit dem massiven Körperbau des Schwarzen im Basketball-Shirt der Größe XXXL und der obligatorischen klobigen Goldkette um den Hals harmonieren will.
Zwei Jersey Girlz in knappem Outfit stehlen dem Snap-Duo als Background-Tänzerinnen zu Beginn ein wenig die Show. Erst als Michelle mit "Do you see the Light" den ersten 90er-Jahre-Hit anstimmt, gewinnt die Musik Oberhand über optische Reize. Jetzt drängen die Leute nach vorne, recken die Arme in die Höhe, erklimmen die Theke und tanzen, wie sie es wohl vor 15 Jahren in der Diskothek schon getan haben, als Snap auf jeder Hitliste ganz oben stand. Es fällt auf einmal gar nicht mehr auf, dass der Laden nur zur Hälfte gefüllt ist.
Zwischen 1990 und 1996 war das von den Frankfurter Produzenten Luca Anzilotti und Michael Münzing 1989 gegründete Eurodance-Projekt in wechselnder Besetzung mit zehn Top Ten-Platzierungen dick im Geschäft. Doch der platin-versüßte Glanz verblasste schnell wieder, diverse Comeback-Versuche scheiterten mehr oder weniger kläglich. Jetzt unternehmen Turbo B und Michelle mit neu arrangierten Songs einen weiteren Anlauf, der sie am Vorabend auch schon auf die Düsseldorfer Kirmes führte.
Der Remix von Hits wie "The Power" oder "Ooops Up" kann sich durchaus hören lassen, im Route 66 sind die Fans jedenfalls aus dem Häuschen.
Leider währt die Pop-Reminiszenz nicht lange: Um 23.15 Uhr steht die Polizei im Bösinger Hof auf der Matte - zu laut. "Die wollen doch nur selbst zuhören", scherzt Wirt Marcus Weniger noch. Aber "die" meinen es ernst. Turbo B fleht noch: "Please, Mr. Policeman . . .", doch es hilft nichts. Noch eine ausgedehnte Version des Mega-Hits "Rhythm is a Dancer", dann schweigen die Boxen nach nicht einmal einer Stunde.
Man befindet sich halt in einer Gaststätte im beschaulichen Dörfchen Bösinghoven. Da ticken die Uhren anders.