Neuss: "Schon ewig nicht mehr im Theater"

Aurel von Arx über eine ganz normale Woche zwischen Bühne, Bus und Gastspielen

Neuss. Er war Hamlet und spielt in Genets "Die Zofen", er ist in Ronja Räubertochter ebenso zu sehen wie bei Brechts "Sezuan". Aurel von Arx, seit drei Jahren im Ensemble des Rheinische Landestheaters, spielt, probt, ärgert sich über verlorene Zeit während langer Busfahrten zu Gastspielorten - und hat wie seine Schauspielerkollegen Anteil am ganz normalen Bühnen-Wahnsinn.

Theateralltag am Landestheater, das mit kleinem Team das heimische Publikum befriedigt und, wie es der Auftrag verlangt, bei "Abstechern" quer durch Nordrhein-Westfalen Theater macht. Mehr Inszenierungen, mehr Aufführungen, mehr "Abstecher", um die Einnahmen zu steigern? Das hatte unter anderem Kulturdezernentin Christiane Zangs vorgeschlagen.

Aurel von Arx kontert mit seinem Plan für diese Woche. Beginnt die Woche Sonntag oder Montag? Da die Wochenenden ohnehin nicht frei sind, spielt das auch keine Rolle. Gestern jedenfalls hat er um 17 Uhr in Wermelskirchen im "Jedermann" gespielt.

Heute geht es "fast gemütlich" los, sagt der Schauspieler. 11.30Uhr Abfahrt nach Gütersloh, Ronja Räubertochter, zurück ist das RLT-Team um 20 Uhr. Dann hat von Arx leider die Proben von "Unser Muni" versäumt. Bei einem Drei-Personen-Stück äußerst unglücklich, können doch seine beiden Ensemble-Kollegen allein kaum befriedigend mit dem Regisseur arbeiten. Das soll sich in dieser Woche noch wiederholen.

Erst Gütersloh, dann Wesel. Um 7Uhr steht der Bus an der Oberstraße, zurück ist man um 13.30Uhr. So hat Aurel von Arx an diesem Tag nur einen halben Tag Muni-Probe verpasst, kann von 18 bis 22Uhr noch einsteigen. Doch er korrigiert sich: Er darf eigentlich nur bis 20Uhr. Wegen der vorgeschriebenen elfstündigen Nachtruhe. Kleines Bonmot am Rande: Offiziell zählt die Busfahrt zur Hälfte als Ruhezeit. "Blödsinn", meint von Arx. Ruhen kann man nicht, proben kann man nicht, und Texte zu lernen sei schwierig. "Immer ist das verlorene Zeit!"

Wieder fährt um 7Uhr der Bus ab, wieder nach Wesel. Zwei Vorstellungen von Ronja, zurück ist das Ensemble gegen 18.30 Uhr. Um 18 Uhr haben die Proben zu "Muni" begonnen...

Zum dritten Mal heißt es "7 Uhr Abfahrt nach Wesel". Mittags zurück, immerhin ist die zweite Probe des Tages zu "Muni" drin. Ab 18 Uhr, geplant bis 22 Uhr.Ein ganz normaler Probentag; "endlich", sagt von Arx. Das bedeutet, von 10 bis 14 Uhr und von 18 bis 22 Uhr auf der Bühne zu stehen.

Axel von Arx spielt auch in "Die Zofen". Das Stück läuft als Wiederaufnahme, zuletzt wurde es Anfang Januar gespielt, auf dem Spielplan steht es jetzt wieder am 28. Februar. Da ist eine Wiederaufnahmeprobe vonnöten. Dass die fünf Tage vor der Aufführung stattfindet, ist nicht eben vorteilhaft. Andere Termine aber sind wegen der zahlreichen Vorstellungen in der Folgewoche nicht drin. Also Probe von 10 bis 14Uhr, leider findet parallel (10 bis 16 Uhr) die Probe zu "Muni" statt. Wieder einmal ohne Axel von Arx.

Natürlich ist der Sonntag ebenso wenig wie der Samstag ein freier Tag. Diesmal geht es mit Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" nach Bad Kissingen. Vorstellung um 20Uhr, "da dürfen wir dann sogar übernachten", so von Arx. Denn am nächsten Tag geht es weiter nach Jülich, "Jedermann". Und so weiter.

Den letzten freien Tag, daran erinnert sich der Mime genau, hatte er am Rosenmontag. Der nächste? "So Mitte März", meint er. Wie er und die anderen ein solches Programm absolvieren können, weiß er eigentlich auch nicht. Viel Frustration sei schon dabei, sagt er, manchmal sei man "schon näher am Würgen als am künstlerischen Prozess." Immer fehlt Zeit. Zeit, sich ein Stück wirklich einzufinden, Zeit für künstlerische Auseinandersetzung. "Und ich war schon ewig nicht mehr im Theater", konstatiert von Arx lakonisch. Aber natürlich machen sie alle weiter, so wie im Dezember, als "vier Schauspieler krank gespielt haben". Womit von Arx nicht etwa ein gespieltes Kranksein meint, sondern das Spiel kranker Kollegen.

Und dann noch mehr machen? "Wir sind am Anschlag", meint der Schauspieler. Es gebe Kollegen, "die hören erst auf der Bühne auf zu fluchen. Ich bin da eher der Stoiker." Aber wenn man zum Beispiel nach einer Ronja-Aufführung, die 900 kleine Gäste sehen, in die Gesichter schaue: "Dann ist der Frust weg", sagt er, und ergänzt: "Bis die Müdigkeit wiederkommt."

Übrigens: Axel von Arx erhält für seine Arbeit 1650 Euro. "Brutto", sagt er: "Das muss man bei dieser Summe wohl doch dazusagen."