Interview: Ingeborg Heinze - „Wir sind praktisch alle ungeliebt“
Ingeborg Heinze geht nach 19 Jahren als Gleichstellungsbeauftragte in den Ruhestand.
WZ: Frau Heinze, Meerbusch ist ein konservativ geprägtes Pflaster. Wie hat man Sie als Gleichstellungsbeauftragte in der Stadt empfangen?
Heinze: Es ging mir wie allen Gleichstellungsbeauftragten damals. Man hielt mich überwiegend für überflüssig, das wurde teilweise ganz deutlich ausgesprochen. Bis in die 90er Jahre hinein hatten ich und meine Kolleginnen oft das Gefühl, dass wir uns dafür entschuldigen müssen, den Städten auf dem Portemonnaie zu liegen. Ansonsten regierte deutliches Desinteresse.
WZ: Mit welchen Erwartungen habe Sie Ihre Aufgabe übernommen?
Heinze: Der Beruf der GB war damals absolutes Neuland, ich hatte nur wenige Erwartungen, konnte mir aber vorher nicht vorstellen, welches Desinteresse bezüglich Gleichstellungsfragen herrschte. Ich wollte über die strukturellen Hindernisse in der Gesellschaft für Frauen informieren und Lösungswege aufzeigen. Das ist mir in Teilen, insbesondere in Einzelberatungen, gelungen. Wenn man mir vor 19 Jahren gesagt hätte, welcher Diskussionsstand zur Kinderbetreuung für unter Dreijährige 2007 herrscht - ich hätte das nicht geglaubt. Schon damals war mir bekannt, dass die Länder die höchste Geburtenrate haben, bei denen die höchste Frauenerwerbstätigkeit herrscht - eine Erkenntnis, die deutschen Politikern bis heute überwiegend abgeht. Und die Kinder in Skandinavien und Frankreich sind nicht auffälliger als unsere.
WZ: Sie sind vierfache Mutter und berufstätig. Welche Strukturen braucht es, um diese Doppelaufgabe zu bewältigen?
Heinze: Als ich nach zehn Jahren Familienpause wieder in den Beruf einstieg, war das jüngste Kind zehn. Da war der ganz akute Betreuungsbedarf nicht mehr gegeben. Um heute vier Kinder großzuziehen, brauchen wir französische/skandinavische Strukturen, flexible Ganztagesbetreuung ab dem ersten Lebensjahr (wer will!), Ganztagsschulen mit echtem Unterricht auf den Tag verteilt. Eine weitere Voraussetzung ist ein emanzipierter Ehemann, der die Alltagslasten teilt. Den habe ich in stark ausgeprägtem Maße!
WZ: Was in Meerbusch ist Ihrem Einfluss zu verdanken?
Heinze: Schwer zu sagen. Ich könnte mir vorstellen, dass es besonders viele Menschen mit Patientenverfügungen gibt, denn diese Vorträge habe ich am Schluss ja permanent gehalten. Mein Einfluss hat sich nicht nur in Meerbusch bei den geringfügig Beschäftigten gezeigt. Die entsprechende Broschüre wird in ganz Deutschland gedruckt und gilt als gut und sehr verständlich. Ich könnte mir weiter vorstellen, dass die Kolleginnen und Kollegen in der Stadtverwaltung besonders gut über die Notwendigkeit zusätzlicher privater Altersvorsorge informiert waren. Viele professionelle Helfer schickten ihre Klientinnen zu mir. Da konnte ich in Einzelfällen tatsächlich durch eine kreative Lösung Gutes tun.
WZ: Was war aus Sicht der Gleichstellungsbeauftragten das erschreckendste Erlebnis?
Heinze: Die Erkenntnis, die mir wahrscheinlich in keiner andern Stadt gekommen wäre: Dass systematisch Frauen über Gütertrennungsverträge mit Hilfe von Notaren nach 20-jähriger Ehe in das Existenzminimum abgeschoben werden, weil der Mann eine akute Hormonstörung bekommt und seine abgehalfterte Ehefrau gegen eine junge austauscht. Zumindest in der Vergangenheit haben Notare Frauen nicht darauf hingewiesen, dass sie auch ohne Gütertrennungsvertrag nicht für die Schulden des Mannes haften, solange sie nicht bei der Bank unterschreiben.
WZ: . . . das schönste?
Heinze: Die Zusammenarbeit und enge Verbundenheit mit den Kolleginnen "Gleichstellungsbeauftragten". Wir sind praktisch alle ungeliebt und ohne dieses Sicherheitsnetz an psycho-sozialer Unterstützung wäre der Beruf oft unerträglich gewesen.
WZ: . . . überraschendste?
Heinze: Nach einer Schwangerschaftskonfliktberatung von Großeltern, die ihre Tochter massiv unter Druck setzten, ihr Kind nicht auszutragen, bekam ich ein Jahr später einen Brief mit einem Babyphoto. Die Großeltern erklärten, wie glücklich sie über die Enkelin sind.
WZ: Glauben Sie, dass eine Gleichstellungsbeauftragte nach wie vor wichtig ist?
Heinze: Ja!
WZ: Wie vielen Männern haben Sie von Amts wegen geholfen?
Heinze: Ganz vielen. In der Zwischenzeit fragen mich viele Kollegen in den unterschiedlichsten Dingen um Rat und es kommen auch männliche Bürger freiwillig zu mir!
WZ: Was halten Sie von Quotenregelungen? Sind Gesetze der Weg, Köpfe zu verändern?
Heinze: Es schadet zumindest nicht. Ich habe meist erfolgreich versucht, um eine "Quotenfrau" herumzukommen, was auch nicht schwer war, denn Frauen sind oft besser.
WZ: Was fehlt den Frauen?
Heinze: Am Anfang das Selbstbewusstsein, Alltagshandeln von den Männern einzufordern, die ja durch ihre - insbesondere in Meerbusch - gesellschaftlich wichtigen Stellungen daran gehindert sind. Die Frauen verzichten so freiwillig und bei vollem Bewusstsein auf eine eigene Erwerbstätigkeit, um dann mit 50 "belohnt" zu werden.
WZ: Was fehlt den Männer?
Heinze: Oft die Bereitschaft, selbst an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für ihre Frau aktiv mitzuwirken, und ihre berufliche Karriere etwas langsamer angehen zu lassen. Für Männer ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nie ein Thema - auf Kosten der Ehefrauen.
WZ: Was wird Ihnen fehlen?
Heinze: Erstens meine "Wundertüten" in der Beratung, die jede für sich eine Herausforderung darstellen, eine faire, ausgewogene Lösung zu finden oder auch, einer Frau Korsettstangen einzuziehen, damit sie sich bei berechtigten Forderungen durchsetzt. Zweitens meine Kolleginnen Gleichstellungsbeauftragten.