Neuss: Streit um eine Mogelpackung?

Bürgermeister und Personalratsvorsitzender zu der Auseinandersetzung im öffentlichen Dienst.

Neuss. Die Kundgebung auf dem Markt ist gelaufen, heute Nachmittag werden Kindertagesstätten bestreikt, ein Ende des Tarifkonflikts im öffentlichen Dienst ist nicht in Sicht. Die meisten Beschäftigten arbeiten bei Stadtverwaltungen und kommunalen Betrieben. Wie stehen sich die Kontrahenten in Neuss gegenüber?

Das Angebot von fünf Prozent über zwei Jahre, dazu die Verlängerung der Wochenarbeitszeit, nennt Wilfried Derendorf eine Mogelpackung. Er ist Streikleiter der Komba für Neuss, Personalratsvorsitzender im Rathaus und Teilnehmer der Verhandlungsrunden in Potsdam.

Doch diese "Keule des Angstmachens" mag Derendorf nicht gelten lassen. Allzu gering fiele in den unteren Lohngruppen selbst eine Steigerung um 8Prozent aus. Beispiel Reinigungskraft: Die verdient in städtischen Diensten nach einem Jahr brutto 1286Euro. Ihr höchstmögliches Gehalt nach 17 Berufsjahren: 1440Euro. "Nah an der Arge", sagt der Arbeitnehmervertreter. Den Ratsbeschluss, einen bestimmten Prozentsatz an offensichtlich noch "preiswerter" arbeitende Externe zu vergeben, hält Derendorf für überdenkenswert. Dormagen zum Beispiel lasse wieder komplett von eigenen Angestellten reinigen.

Aber auch in den höheren Tarifstufen gibt es Probleme, und da sind sich Napp und Derendorf einig. Gegen die Privatwirtschaft habe die Stadt bei Technikern kaum eine Chance, so der Bürgermeister. Der Gewerkschafter fasst es drastischer. "Wenn beim Vorstellungsgespräch der Bauingenieur mit seinen Vorstellungen vom Jahresgehalt kommt, können wir die Mappe gleich zumachen."

Wilfried Derendorf jedenfalls sieht nach der vier Jahre zurückliegenden letzten Tariferhöhung um 1Prozent die Zeit "für einen ordentlichen Schluck aus der Pulle". Ob sich die Kontrahenten in Potsdam einigen werden? Bürgermeister Herbert Napp sieht "eher Muskelspiele" und glaubt nicht, dass es trotz der verfahrenen Situation zu längeren Streiks kommen wird. Wilfried Derendorf dagegen vermutet, dass die Tarifverhandlungen scheitern werden und die Schlichtung kein Ergebnis bringen wird. "Die Leistungsbereitschaft im öffentlichen Dienst ist da. Aber auch die Streikbereitschaft."